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Kolumne Silia Wiebe Die Frau auf den 2. Blick

„Klassischerweise bin ich die Frau für den zweiten Blick“, sagt VITAL-Autorin Silia Wiebe. Und stellt fest: Damit kann sie gut leben. Sehr gut sogar.

„Die Reise des Schmetterlings“

Es war einer dieser seltenen Superwoman-Momente. Ich schwebte durch die Straßen. In meinen Ohren Gloria Gaynors „I am what I am“. Ich hatte meinen allerersten Auftrag an Land gezogen – ein verheißungsvoller Start in die Selbstständigkeit. Ich überstrahlte alles und jeden mit positiver Energie und wunderte mich nicht, dass mich die Passanten neugierig anschauten. Man musste mir mein Glück förmlich ansehen.

Die Ernüchterung folgte zwei Stunden später auf der Toilette eines Cafés: Über meiner Jeans hing vorne und hinten etwas Merkwürdiges herunter. Es war mein sexy Spitzenbody. Ich hatte im Erfolgsrausch vergessen, ihn zuzuknöpfen, und war mit heraushängender Unterwäsche durch die City flaniert. Meine Unwiderstehlichkeit – nichts als eine schnöde Fata Morgana.

Fair ist das nicht: Manche Frauen strahlen auch ohne Karriereschub, Lottogewinn oder Schwangerschaft die Leichtigkeit des Seins aus und lassen mit ihrer sensationellen Präsenz jedes Gespräch im Raum verstummen. Sie sind nicht unbedingt die Schönsten, aber sie sind anders und allein dadurch besonders. Man gerät nicht mal in Versuchung, sie kritisch auf Augenfältchen, schrumpelige Ellenbogen oder Oma-BH zu scannen. Weil man so von ihrer Strahlkraft gebannt ist. Wenn ich einen Raum betrete und den Männern der Mund offen stehen bleibt und die Frauen mir lächelnd ihre Bereitschaft zum Geheimnisverrat signalisieren, drehe ich mich automatisch um: Ich weiß aus Erfahrung, dass hinter mir gerade eine dieser seltenen Ausstrahlungsgöttinnen steht. Dass sie gemeint ist und nicht ich. Der Schmetterling – nicht die Raupe.

Einmal hat mir eine Chefin im Mitarbeiterinnen-Gespräch nach wunderbaren Lobeshymnen gesagt: „Du bist ein echter Geheimtipp, eine Frau auf den zweiten Blick, dich muss man nur erst entdecken.“ Gewinnend lächelnd fegte sie aus dem Raum, während ihre nussbraune Lockenmähne fluffig hinter ihr her wippte. Wenn ich meine Haare so lässig in den Nacken werfe, sitze ich am nächsten Tag mit Halskrause beim Orthopäden. Was vermutlich als Kompliment gemeint war, klang für mich nach Heidi Klum: „Ich habe heute leider kein Foto für dich, aber du bist ein hübsches Mädchen.“

Der Haken: Nicht immer bleibt Zeit, entdeckt zu werden. Nun könnte ich ein Charisma-Seminar buchen und mich für rund 900 Euro ausstrahlungsmäßig aufpolieren lassen. Ich könnte zusammen mit anderen Geheimtipps vor dem Spiegel den „souveränen Auftritt und die stimmige Ausstrahlung“ üben. Aber kann man wirklich so locker eine Tüte Charisma ordern? Nein! Was ich aber kann, ist, stolz zu sein auf das, was ich in meinem Leben schon alles gebacken gekriegt habe. Das Geheimnis der Unique-Frauen ist nämlich ganz simpel: Sie sind zufrieden mit sich, und das strahlen sie aus.

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Silia Wiebe