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Kolumne Erfolg ist, was wir so nennen

Viele denken, der Kontostand sagt es, das Büro-Türschild, die Zahl der Freunde bei Facebook. VITAL-Kolumnistin Verena Carl hat gelernt: Viel wichtiger ist Linsensalat oder ein Text, der andere lächeln lässt.
Vital Kolumne

Die hat es geschafft, dachte ich. Meine alte Weggefährtin L. saß auf der Bühne einer Großbuchhandlung in unserer großen Stadt, lässig ihren neuen Bestseller mit bonbonfarbenem Cover auf den Knien, belagert von Fans. Ich war ein bisschen neidisch auf die bewundernden Blicke und den Büchertisch mit ihren gesammelten Werken. Vor allem, weil ich in solchen Momenten an den Tiefpunkt meiner eigenen Schriftstellerkarriere denken muss: den Abend, an dem ich in einer mecklenburgischen 50000- Einwohner-Stadt einen geknickten Veranstalter trösten musste, weil zu meiner Lesung kein einziger zahlender Gast erschienen war. Als ich später mit L. ein Glas Rotwein trank, vertraute sie mir etwas Überraschendes an: „Eigentlich wollte ich Profi-Musikerin werden. Um wirklich zur Top-Liga zu gehören, hätte es aber nicht gereicht. Bücher schreiben ist eine nette Alternative – aber ist das ein Erfolg?“

Was bedeutet Erfolg für mich?

Das gab mir zu denken: eine Bestsellerautorin mit fünfstelligen Auflagen, die sich als gescheiterte Musikerin sah. Aber erst die Begegnung mit meiner Nachbarin am nächsten Tag machte das Puzzle komplett. Ihre Tochter hatte gerade das Abitur geschafft, und Mama war aufrichtig stolz. Vor allem auf sich selbst: „Zwölf Jahre lang habe ich meine Tochter motiviert, mich mit ihr hingesetzt, zähe Verhandlungen mit Lehrern geführt – endlich weiß ich, wofür das gut war.“ In diesem Moment verstand ich: Erfolg ist keine feste Größe. Er misst sich nicht am Jahresgehalt oder der Anzahl der Twitter-Follower – sondern ausschließlich an den Zielen, die wir uns selbst setzen.

Stolz auf den persönlichen Erfolg

Wir selbst sind die einzige Instanz, die über Gelingen oder Scheitern urteilt. Andere haben da gar nichts zu sagen. Nicht Eltern, nicht Partner, nicht Freunde, erst recht nicht der Chef.
Klar, nicht jeder kann jedes Ziel erreichen. Aber manche Menschen haben mehr Talent zum Erfolg als andere. Weil sie ihre eigenen Leistungen würdigen können, statt ständig nach rechts und links zu schielen oder Lebensträumen von vor 20 Jahren nachzutrauern. Selbst das Wort „Karriere“, das wir gern in einem Atemzug mit dem Wort Erfolg nennen, ist nicht so eindeutig, wie es scheint. Der Begriff heißt eigentlich nichts anderes als „Fahrweg“ – ob der nun steil nach oben führt oder einem Zickzackkurs in der Ebene folgt, ist unerheblich. Stolz sein auf ihre „Karriere“ kann nicht nur die Klinikchefin oder die Unternehmensgründerin. Sondern zum Beispiel auch, wer den richtigen Zeitpunkt für einen beruflichen Kurswechsel gefunden hat. Oder als unbezahlter Abi-Coach der Tochter zur Seite steht.

Mein persönliches Erfolgserlebnis

Erfolg hängt eben nicht nur mit Spitzenleistungen zusammen. Ein Brunch ist ein Erfolg, wenn um drei Uhr nachmittags noch alle gut gelaunt am Küchentisch sitzen – egal, ob der orientalische Linsensalat so aussieht wie auf dem gestylten Rezeptfoto aus der Internet-Datenbank. Marathonläufer sind erfolgreich, einfach, weil sie durchhalten – nicht nur, wenn sie als Erste über die Ziellinie gehen. Und Autorinnen? Noch vor zwei Wochen hätte ich an Auflagenzahlen gedacht oder Porträts im Kulturfernsehen. Jetzt finde ich: Erfolg ist auch schon, 300 Seiten lang genau die Geschichte zu erzählen, die in meinem Kopf gewartet hat. Und Erfolg ist, eine Handvoll Menschen zum Lächeln zu bringen. Zum Beispiel mit einem kurzen Text auf der letzten Seite der VITAL.

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Autor:
Verena Carl