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Neuanfang Toll, das probiere ich

Für Philosophin Rebekka Reinhard ist ein Neubeginn auch die Kunst des Loslassens: „Es ist eben eine andere Form des Seins...“
Frau lacht und ist glücklich
Dr. Rebekka Reinhard, 40 - Die Münchner Philosophin bietet mit „Philosophy works!“ lebensnahe Beratung. Mit „Die Sinn-Diät“ und „Würde Platon Prada tragen?“ schaffte sie es auf die Bestsellerlisten. In ihrem neuesten Buch „Schön!“ (Ludwig Verlag, 19,99 Euro) erklärt sie, was Attraktivität und Charisma mit der Hoffnung auf Glück zu tun haben. www.philosophyworks.de
 
vital: Die meisten von uns nehmen sich zum Jahresende einen Neustart vor. Sind denn Vorsätze wirklich sinnvoll?
Dr. Rebekka Reinhard: Grundsätzlich ja! Weil Leben Veränderung ist. Wenn ich dem nicht Rechnung trage, indem ich mich selbst regelmäßig erneuere, stagniere ich. Insofern sind gute Vorsätze ein sehr schönes Ritual, um sein Lebensschiff in eine neue Richtung zu lenken. Das Problem ist nur, dass wir mit den meisten Vorsätzen scheitern, wenn wir kein starkes „Wofür“ haben. 
 
Aber Neuanfänge sind doch auch Ausdruck eines Strebens nach mehr Sinn und Glück.
Ja, aber sie sind dann nicht sinnvoll, wenn sie Ausdruck eines unrealistischen Optimierungsstrebens sind. Der Wunsch, sein Leben zur Perfektion zu bringen, ist immer auch ein Leben, das nach „mehr“ verlangt... 
 
Nicht immer jedoch ist ein Neubeginn ganz freiwillig, z.B. wenn es um Liebe geht... 
Ich bin ehrenamtlich in der Psychiatrie tätig und habe dort häufig mit Krisensituationen zu tun. Mit diesen Menschen spreche ich oft über die Akzeptanz des Unabänderlichen. Es ist wichtig, dass man bewusst leidet, weint und sich eingesteht, dass man eben nicht weiterweiß. Ich möchte dazu ermutigen, das Leben als Ganzes zu sehen. Alles hängt mit allem zusammen. Das Leben ist kein Kampf, eine Krise ist keine Ungerechtigkeit. All das ist im philosophischen Sinne eine Übung – ein spannendes Experiment, eine Reise...
 
Man sollte also die Option des Scheiterns besser als eine Chance betrachten?
Historisch gesehen leben wir in einer Ausnahmesituation: Wir kennen weder Kriege noch Hunger. So entsteht die Hybris zu glauben, der Sinn des Lebens bestünde in der permanenten Optimierung. Wir finden es normal, anzunehmen, jedes Ziel sei erreichbar. Doch das ist es eben nicht. Deswegen bin ich stark dafür, Krisen, Scheitern, Um- und Irrwege zu rehabilitieren.
Zur Macht der Gewohnheit kommt, dass bei uns das Sicherheitsdenken stark ausgeprägt ist. In kaum einem anderen Land gibt es so viele Versicherungen! Bei uns herrscht die Kultur der Vorsicht, des Neids. Wenn einer mal ausbricht, es anders macht, als „man“ es tut, sagen wir nicht: „Toll, das probiere ich“, sondern verbleiben lieber im Alten.
 
Im Buddhismus ist Loslassen unabdingbar für das Erreichen inneren Friedens.
Loslassen heißt ja, dass ich auch mal stehen bleibe und mir die Dinge anschaue. Wir leben in einer Epoche, die auf Haben gepolt ist. Wenn wir etwas loslassen – ein Ziel, eine Wohnung –, dann entsteht das Gefühl, etwas nicht mehr zu haben; anstatt zu sagen: „Na ja, es ist eben eine andere Form des Seins.“
 
Welche Hürden hat ein Neubeginn?
Problematisch finde ich es, wenn die Leute sich zu abhängig machen von Experten aller Art – weil sie sich letzten Endes diesen Veränderungsprozess doch nicht zutrauen und an die Hand genommen werden wollen. Zweite Klippe: zu denken, dass am Ende des Prozesses wieder eine Leistung steht, man also besser aufgestellt ist als vor der Krise.
 
Kann man Wagemut lernen?
Ich kann ihn üben, indem ich mich regelmäßig aus meiner Komfortzone herauswage. Es ist überaus lohnend, wegzukommen von der eigenen Nabelschau.
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Autor:
Birte Plöger