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Spontanität Sprung ins Leben

Klar, Spontaneität erfordert Mut. Doch wer es wagt, Netz, doppelten Boden und fertige Pläne auch mal zu ignorieren, bekommt viel zurück. Vom Finden, ohne zu suchen: vital-Autorin Kristin Rübsamen über das Leben nach dem Zufallsprinzip.
Frauen lachen auf einem Feld und springen in die Luft

Auf den ersten Blick bin ich genau die Richtige, um große Reden über Spontanität zu schwingen. Ich habe meine erste Tochter jung und sorglos, geradezu spontan bekommen – ohne Elterngeld, ohne Arbeitsplatzgarantie, ausgestattet lediglich mit der alten Babykommode meiner Großmutter, von der schon der weiße Lack abblätterte. Nach der Geburt der zweiten Tochter zogen wir nach New York, dann nach Berlin, dann nach London und wieder zurück nach Berlin. Kurzum: Ich bin ein unternehmungslustiger, spontaner Mensch. Phlegma kann man mir nun wirklich beim besten Willen nicht nachsagen. Einerseits.

Gewohnheiten im Alltag ablegen

Andererseits habe ich über die Jahre hinweg jedoch Gewohnheiten angenommen, die einen gewissen Zwangscharakter aufweisen. So trinke ich jeden Morgen wortlos literweise Tee am Schreibtisch – und wehe, jemand (zum Beispiel mein Mann) schmettert mir „Guten Morgen. Gut geschlafen?“ entgegen. Ich biete in seinem alten grauen Morgenrock keinen hübschen Anblick, abweisender kann man nicht Tee trinken, und dennoch muss ich jeden Tag die Hürde dieser Frage nehmen. Danach arbeite ich – und wehe, es klingelt an der Tür. Mittags übe ich Yoga und wehe ... Abends wiederum stehe ich aufgekratzt und etwas verloren ganz allein vor der Spülmaschine in der Küche, weil alle anderen längst ins Bett gegangen sind. Ich sehe aus dem Fenster hinunter auf die dunkle Stadt und höre die munteren Stimmen derjenigen, die in eine der Bars auf der Torstraße gehen. Niemand ruft mich an, denn jeder weiß: Die geht sowieso nicht mit. Es genügt doch, mir auszumalen, wie es wäre, würde ich mich verteidigen.
 
Spontanität klingt für mich nach Sommer, Fahrradfahren, Balkonpartys und nächtlichen Badeausflügen. Sicher finden irgendwelche Wissenschaftler auch bald heraus, dass Spontanität gut gegen Arterienverkalkung ist und absolut glutenfrei. Warum tun wir uns also so verdammt schwer damit? Vielleicht liegt es daran, dass die immense Flut der Anforderungen, die unsere Gesellschaft an uns stellt (völlige Mobilität, ständige Verfügbarkeit, permanente Selbstoptimierung), zur Folge hat, dass wir – nach außen hin total beweglich – tatsächlich ängstlich an unseren lieb gewonnenen Gewohnheiten festhalten. Weil sie das Einzige sind, auf das Verlass zu sein scheint.
 
 
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