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Balance: Psychologie Sag Ja, zum Nein

Wer anderen nie einen Wunsch abschlägt, hat’s schwer und wird untergebuttert. Höchste Zeit, sich eine gesunde Portion Egoismus anzueignen. So geht’s.
Frau sagt nein und ist egoistischer für die Gesundheit

Die Mutter kann einem leidtun. Zunehmend genervt versucht sie ihren dreijährigen Sohn in den Kidnersitz ihres Rücksitz zu hieven. Vergeblich. Der Junge wehrt sich mit aller Kraft und drückt mit einem einzigen schrill in die Länge gezogenen Wort seine tiefe Enttäuschung darüber aus, dass der Freizeitparkbesuch nun endet: "Neeeiiin!", schallt es über den Parkplatz. Kommt Ihnen die Szene bekannt vor? Aus zwei Gründen ist dies ein ideales Bei- spiel: Erstens zeigt sie, wie früh wir lernen, Nein zu sagen und zu begreifen, welche wichtige Funktion diese unscheinbaren vier Buchstaben für unser Seelenleben haben. Zweitens macht sie deutlich, wie gespalten unser Verhältnis zu diesem kurzen Wort später im Leben ist. Selbst wenn wir es nicht aussprechen, sondern andere nur dabei beobachten, wie sie ihr Gegenüber zurück- weisen, fühlen wir uns unwohl. „Vor allem Frauen, die eigene Bedürfnisse schlecht äußern können und wie Mutter Teresa immer erst an alle anderen denken, haben Probleme beim Neinsagen“, erklärt Diplom-Psychologin Ute Zander aus Taufkirchen. „Männer hingegen können oft bei Sachthemen gut Nein sagen, tun sich aber im Privaten, bei emotionalen Themen, schwer.

Lernen, Nein zu sagen

Kinder, Mädchen wie Jungen, machen da keinen Unterschied. Sie entdecken etwa in ihrem dritten Lebensjahr etwas Bahnbrechendes: ihren eigenen Willen. „Diese erste ‚Ich-Revolution‘ spielt beim Neinsagen eine ganz große Rolle“, sagt Ute Zander. „Wird in dieser Phase der Wille des Kindes gebrochen, hat das katastrophale Folgen für die Ich-Entwicklung.“ Das heißt jedoch nicht, dass Eltern ihrem Trotzkopf alles durchgehen lassen sollten. „Ihre innere Haltung ist entscheidend“, sagt Zander. „Grenzen setzen und dem Kind dabei signalisieren: Dein Wunsch, dein Wille ist okay, auch wenn ich ihn gerade nicht erfülle. Nein sagen, ohne die Persönlichkeit des Kindes abzuwerten. Das ist sehr förderlich.“ Früh lernt der Nachwuchs so eine wichtige Lektion: Jedes Nein bezieht sich auf ein konkretes Anliegen und lehnt nie den Menschen, der es vorbringt, als Ganzes ab.
Etwa zur gleichen Zeit entwickelt sich das, was Psychologen „Theorie des Geistes“ nennen. Spätestens im vierten Lebensjahr fangen wir an, Vermutungen darüber anzustellen, was sich in den Köpfen unserer Mit-menschen abspielt – und hören nicht mehr damit auf. Die hohe Kunst der Diplomatie hält Einzug. „Ja- und Neinsagen dient auch dem sozialen Miteinander“, erläutert Ute Zander. „Es ist jedes Mal ein Abwägen zwischen ,die eigenen Bedürfnisse im Blick haben‘ und ,die Bedürfnisse der anderen im Blick haben‘.“ Wessen Wille ist stärker? Wie weit kann ich gehen? Solche Machtspielchen können ziemlich kraftraubend sein.
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Autor:
Stephan Hillig