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Gefühl des Monats Diskretes Strahlen

Es ist eine Lebenskunst, mehr Energie in das Sein als in den Schein zu investieren – denn das verleiht uns Anmut. Ein Begriff, der gestrig klingt, aber im Wesen doch so jung ist. Die Autorin Elke Krüsmann beschreibt in ihrem Essay zu unserem Gefühl des Monats, wie sich Anmut in flüchtigen Momenten bemerkbar macht. Und bleibt. Für immer!
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Wie kommt es eigentlich, dass ich immer so gerührt bin, wenn ich, Fotoalben aus den 50er-Jahren durchblättere?

Ich betrachte die Damen meiner Familie, wie sie mit gekreuzten Beinen auf zierlichen Sofas sitzen. Ich bewundere ihre Wespentaillen und den Tellerrock, den die Tante wie ein Kunstwerk rechts und links von sich drapiert hat. Und ich ahne: Was mich beim Anblick dieser Bilder so bewegt – es ist das Unsichtbare. Die halbe Stunde, die das säuberliche Aufstecken des Haars gekostet hat. Die ruhige Hand, die dieser Schwung im Lidstrich braucht. Die Besuche bei der Schneiderin, bis der Rock die richtige Form hat. Ich betrachte das Ergebnis all dieser liebevoll ausgeführten Gesten, und auf der Suche nach dem Wort, das die Allüre dieser Frauen angemessen beschreibt, fällt mir nur dieses eine ein: anmutig. Anmut – ein Begriff, so frühlingshaft wie Maiglöckchenparfüm, so fragil wie die mit Goldrand verzierten Sammeltassen, die meine Oma für besondere Anlässe in ihrer Vitrine aufbewahrte.

Bedeutet das, dass auch das dazugehörige Phänomen eher in der Vergangenheit zu Hause ist? Wann habe ich in meinem Alltag zuletzt einen Menschen gesehen, den ich als anmutig bezeichnen würde? Beim Konzert von Carla Bruni, beispielsweise. Die selbstvergessene Art, mit der die Sängerin an den Saiten ihrer Gitarre zupft – in diesem Moment war sie sehr präsent, die Anmut. Sie lag auch in der kleinen Verbeu- gung, dem scheuen Lächeln, mit denen sich Jil Sander, nachdem sie im Mai 2013 in Mailand ihre letzte Kollektion gezeigt hatte, von ihrem Publikum verabschiedete. Zwei Szenen, die auch das Dilemma zeigen, in dem die Anmut im Facebook-Zeitalter steckt: Wer sie entdecken will, muss sehr genau hinschauen. Die Anmut fährt eher im Mini als im Porsche vor, sie trägt eher Pastelltöne als Knallfarben, sie bewegt sich eher in Ballerinas durch die Welt als auf klackernden Fünfzehn-Zentimeter-Absätzen. Sie ist die Schwester der Diskretion, eine Verwandte der Poesie. Deshalb wird sie in einer Welt, in der die Mehrheit der Lauten mit schriller Mode und ausgefahrenen Ellen- bogen um Aufmerksamkeit kämpft, so leicht übersehen. Der Philosoph Josef M. Werle, bei dem ich einmal ein Seminar zum Thema „Lebenskunst“ besuchte, empfahl uns Kursteilnehmern, wir sollten am Ende eines jeden Tages kurz bilanzieren, wie viel Energie wir in das Sein und wie viel wir in den Schein investiert hätten. Und dann darüber nachdenken, ob uns das Ergebnis glücklich macht.

Das Element der Anmut ist ganz klar das Sein, also die Substanz, und nicht die Show. Deshalb strahlt sie im- mer dann besonders hell, wenn es im Leben eine etwas heikle Mission zu bewältigen gilt. Vor einiger Zeit ließ ich mich bei einem Bummel durch die Münchner Innenstadt von einem Plakat anlocken, mit dem eine Kunstgalerie auf ihre Ausstellung hinwies. Die Tür zum Treppenhaus stand offen, also fuhr ich mit dem Lift in eines der oberen Stockwerke, wo an diesem Abend – so vermutete ich – die öffentliche Vernissage stattfand. Ich klingelte, eine Assistentin öffnete die Tür. Der Raum war bevölkert von sehr teuer angezogenen Gästen, die sich alle untereinander zu kennen schienen. Ein paar von ihnen musterten mich irritiert. Ich war, ohne es zu wissen, in eine geschlossene Gesellschaft geraten. Ein Fremd- körper, der dort nichts zu suchen hatte. Ich wollte mich gerade verabschieden, da kam ein Mann auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen: „Darf ich mich vor- stellen?“ Er nannte seinen Namen, es war der Galerist. „Dies scheint eine Preview für geladene Gäste zu sein“, entschuldigte ich mich. „Ich bin hier, wie es aussieht, eine Art blinder Passagier.“ „Aber nein“, sagte der Galerist und lud mich mit einer Armbewegung ein, weiter in die Mitte des Raumes vorzudringen. „Sie sind herzlich willkommen. Schauen Sie sich in Ruhe um.

“ An diesem Abend gewann ich zwei Erkenntnisse über das Wesen der Anmut. Erstens: Sie genießt den Ruf, eine exklusiv weibliche Tugend zu sein. Dabei steht sie Männern genauso gut. Und zweitens: Sie ist mehr als ein flüchtiger optischer Reiz. Anmut ist eine Lebenshaltung, die darauf abzielt, sich selbst und andere gut aussehen zu lassen. Manche Menschen schaffen es, sich diesen geistigen Chic selbst in aussichtsloser Lage zu bewahren. Zu ihnen zählt etwa Oscar Wilde, von dem folgende Anekdote über- liefert ist: Der Dichter hatte sich am Ende seines Lebens in einem armseligen Zimmer in Paris einquartiert. Seinen Tod vor Augen, erhob sich dieser Dandy und Ästhet, dem Stil und Äußerlichkeiten immer so viel bedeutet hatten, über die Situation, indem er seufzend sagte: „Entweder verschwindet jetzt diese hässliche Tapete – oder ich.“ Um meinen 45. Geburtstag herum, als ich mich der Tatsache stellen musste, dass ich mich nun wohl endgültig von der Jugend verabschieden muss, suchte ich nach Vorbildern, die diese Lebensphase bereits souverän bewäl- tigt hatten. Ich suchte nach Menschen, die mir zeigten, wie man entspannt und graziös älter wird. Dabei stieß ich auf eine Aussage von Iris Berben: „Mein Badezimmer gleicht einer Werkstatt: Auf sämtlichen Tiegeln steht ‚Repair‘.“ Dieser Satz fällt mir immer ein, wenn ich morgens im Badezimmer den Deckel meiner Creme aufschraube. Denn es steckt so eine beruhigende Wahrheit darin: Wer den unabänderlichen Tatsachen des Lebens mit Anmut begeg- net, dem kann eigentlich nichts Schlimmes passieren.

Elke Krüsmannn, 52. Die Autorin und Schriftstellerin („Endlich Lady!“, Mosaik, 288 Seiten, 19,99 Euro) lebt mit ihrem Mann in München

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