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Gefühle Wir sind ein Wir

Keine Emotion ist stärker als die Liebe. Und kein Verlangen größer als die Lust. Unser Leben wird bestimmt von der Sehnsucht, lieber zweisam als einsam zu sein. vital-Autorin Petra Reski über die Kostbarkeit des Augenblicks, wenn das eigene Herz für immer berührt wird.
Zwei Seesterne am Strand und Meer

Die einzige meiner Tanten, die nie geheiratet hat. Sie hat nie ein Hemd gebügelt und nie gekocht. Sie bot nicht mehr als grüne Augen, schwarze Haare und Schwung beim Cha-Cha-Cha. Und die Männer wollten nichts anderes. Aber seitdem sie Rentnerin war, saß meine Tante teilnahmslos auf dem Sofa, und ihre Welt war nur noch Gobelinstickerei, Kreuzworträtsel und Roter Tee. Gelegentlich telefonierten wir, und meistens gähnte meinte Tante am Telefon. Monate vergingen, Jahre, und meine Tante stickte immer noch. Doch eines Tages erzählte meine Mu er, dass Tante Eva zu Besuch gekommen war, mit einem Mann. Der kurz zuvor bei meiner Tante eingezogen war. Da war meine Tante siebzig Jahre alt und hatte nie länger als drei Wochen mit einem Mann zusammengelebt. Der Mann, der das Wunder vollbracht hatte, hieß Kurt und schafte es, meine Tante von ihrem Sofa wegzulocken und mit ihr auf Reisen zu gehen, nach Ägypten zu den Pyramiden, nach China, Andalusien und Sankt Petersburg und mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok.

Liebe verändert Menschen

Für Gobelinstickerei hatte meine Tante keine Zeit mehr, denn wenn sie nicht reisten, dann schnitten meine Tante und Kurt ihre Videofilme, deren Markenzeichen die Stimme meiner Tante im Off war. Bei dem nächsten Besuch wurden die Dokumentationen vorgeführt. Man sah die Chinesische Mauer („Der Anstieg ist schwer. Gleich wird er sich umdrehen und zurückkommen. Kurt, Kuhurt!“), meine Tante sitzend auf einem ägyptischen Papierkorb vor den Pyramiden und die Füße von Kurt („Ku-hurt! Pass auf, da kommt eine Welle!“) am Strand von Mallorca. Eines Tages besuchte mich meine Tante mit Kurt in Venedig. Sie kamen am Anleger unweit der Piazza San Marco an. Ich sah sie schon von Weitem. Meine Tante trug ein enges schwarzes Kostüm mit weißen Punkten, eine weiße Rüschenbluse und einen weißen Hut. An ihrem Dekolleté zitterte eine rote Seidenrose. Die Absätze ihrer Sandale en waren so hoch, dass meine Tante sehr eindrucksvoll schwankte, als sie aus dem Boot stieg. Kurt filmte begeistert, wie sie über den Holzsteg balancierte und sich in die ihr entgegenstreckenden Männerarme warf. Da war meine Tante achtzig.

Sie sahen von Venedig nichts anderes als sich selbst. Meine Tante trank Rotwein und erzählte die Geschichte ihrer ersten Begegnung wie die einer Wunderheilung. Sie hatten sich beim Ball der einsamen Herzen kennengelernt. Sie habe beim Blick in Kurts verschattete Augen gedacht, dass er magenkrank sei, sagte meine Tante. Aber es war Liebe.

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