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Psychologie Richtige Pflege für die Haut

Nichts ist uns näher als unsere Haut. Wird sie angegriffen, leidet unsere Psyche – und umgekehrt. Das heißt aber auch: Mit liebevoller Pflege beugen wir doppelt vor
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Das Leben beginnt hautnah. Unmittelbar nachdem es das Licht der Welt erblickt hat, legt die Hebamme das Neugeborene auf die nackte Brust seiner Mutter. Ein überwältigender, einmaliger Moment. Für die Mutter unvergesslich, für den Säugling lebenswichtig. Denn in diesem Augenblick wird zwischen beiden ein unsichtbares Band geknüpft, das so tief greifend alles Weitere beeinflusst, das auch zu früh geborene Babys so oft wie möglich aus ihren Brutkästen geholt und behutsam auf den Oberkörper von Mama oder Papa gelegt werden; das sogenannte „Känguruhen“.

Diese Berührungen entfalten eine wundervolle, enorme Schutzwirkung: Nicht nur die Frühchen, auch deren Eltern überstehen die Strapazen und die Ungewissheit nach der Geburt durch den Hautkontakt deutlich besser. Die Babys, von denen kaum eines mehr als 500 Gramm wiegt, entwickeln sich schneller und häufiger zu kerngesunden Kleinkindern. Hirnforscher glauben, dass sich diese ersten Berührungen fest in unserem emotionalen Gedächtnis verankern. Entwicklungspsychologen sprechen von „Ur-Vertrauen“. 

Darauf können wir nicht bewusst zugreifen. Aber jedes Mal, wenn wir von einer guten Freundin umarmt werden oder den warmen Körper unseres Partners spüren, schickt uns unsere Haut unbewusst auf eine kurze Zeitreise – sogar, wenn wir uns z. B. mit unserer Lieblingscreme pflegen. 

In solchen Situationen schüttet unser Körper vermehrt das „Kuschelhormon“ Oxytocin aus – ein echter Alleskönner: Es fördert die Wundheilung, stabilisiert unser Herz-Kreislauf-System, trainiert die Abwehrkräfte, baut Stress sowie Ängste ab und schenkt uns das unvergleichliche Gefühl, dass auf uns selbst und unsere Mitmenschen Verlass ist. „Auf diese Art konnte ich mein Schicksal annehmen“, sagt Claudia Homberg. Sie litt an Brustkrebs – und nahm sich jeden Morgen extra zwei Stunden Zeit für sich und ihre Haut. Zu Chemotherapie-Terminen ging sie immer geschminkt, mit einem Halstuch passend zum Lippenstift. „Ich wollte nicht leidend, sondern gut aussehen“, erzählt die 45-Jährige selbstbewusst. „Ich sagte mir: Wer so aussieht, der stirbt nicht.“ Sie hat den Tumor besiegt. 


Grenze zwischen Ich und Du

Nähren Pflegeprodukte also tatsächlich nicht nur die Haut, sondern auch unser Ego? „Ja, diese Art der Zuwendung wirkt sich positiv auf unser Selbstwertgefühl aus“, bestätigt Prof. Uwe Gieler, Leiter der Abteilung für psychosomatische Dermatologie am Universitätsklinikum Gießen. „Unsere Haut ist nicht nur eine physiologische, sondern auch eine psychologische Schutzhülle. Mit ihrer Hilfe grenzen wir uns ab, regulieren wir Nähe und Distanz, empfinden sexuelle Lust.“ 

Alle Fakten sprechen dafür: Wir besitzen ein „Haut-Ich“. Diesen Begriff prägte der französische Psychoanalytiker Didier Anzieu („Das Haut-Ich“, Suhrkamp, 324 Seiten, 17 Euro). Unser mit Abstand größtes Organ schützt uns demnach nicht nur wie ein wehrhafter Wall, den Bakterien und andere Schadstoffe erst überwinden müssen. Viel stärker empfinden wir unsere Haut als Kokon und als sprichwörtlichen Spiegel unserer Seele. 

Sie hält uns zusammen, gewährleistet, dass wir uns als eigenständige Wesen wahrnehmen. Drei bis fünf Millimeter ist sie dick. Nicht viel, aber genug, damit wir den Unterschied spüren zwischen „Innen“ und „Außen“, Ich und Du. Darüber denken wir nicht ständig bewusst nach. Kommt uns jemand oder etwas jedoch ungefragt zu nahe, schlägt unsere wachsame Hülle umgehend Alarm. Nimmt uns ein Erlebnis besonders mit, sagen wir: „Das geht mir unter die Haut.“ Oder wir bekommen eine Gänsehaut, werden rot vor Wut oder vor Scham, blass, wenn wir ängstlich, müde oder körperlich krank sind. 


"Dr. Haut" weiß, wie es uns geht

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Darauf achten übrigens auch Internisten. Lagert sich etwa der gelbliche Gallenfarbstoff Bilirubin in der Haut ab, wissen sie sofort (und wir meistens auch), dass hier jemand akut krank ist. Sieht die Haut dagegen eher bläulich aus, wirkt das Gesicht sehr rot oder entdeckt der Arzt stecknadelkopfgroße Einblutungen an den Armen oder Beinen, spricht das für Herzprobleme. Braunrote, schuppige Flecken sind in 70 von 100 Fällen ein klares Indiz für einen Diabetes mellitus, die Zuckerkrankheit. 

Ausgelöst oder verstärkt werden solche körperlichen Beschwerden heutzutage oft durch Dauerstress. Und diesen verrät „Dr. Haut“ ebenfalls, fanden Psychologen der Universität Leipzig kürzlich heraus. Und zwar lange bevor wir beim kritischen Blick in den Spiegel Unreinheiten, Pickel oder einen Lippenherpes entdecken. Denn je mehr wir psychisch unter Druck stehen, desto häufiger berühren wir unwillkürlich unser Gesicht. Zum einen, schreiben die Forscher, um Anspannung abzubauen. Zum anderen wirke das Tasten wie eine „Reset-Taste“ auf unser Kurzzeitgedächtnis: Nach jeder Berührung kann es besser neue Informationen aufnehmen, die uns bei der Stressbewältigung unterstützen können. 

Einen entscheidenden Part übernimmt dabei unser vegetatives Nervensystem, das aus dem aktivierenden, leistungsorientierten Sympathikus und dem entspannenden, energieaufbauenden Parasympathikus besteht. Dass die beiden ständig im Hintergrund tätig sind, merken wir z. B. daran, dass unser Herz bei Stress schneller schlägt. Bereits die Körper unserer steinzeitlichen Vorfahren reagierten so. Doch erst seit Kurzem steht fest: Hier liegt gewissermaßen auch der Ursprung unseres „Haut-Ichs“. Denn unser vegetatives Nervensystem kommuniziert mit unserer Körperhülle über eine Art Standleitung. Sie entsteht bereits wenige Tage nach der Befruchtung, denn Haut, Gehirn und Nervensystem gehen aus den gleichen embryonalen Zellen hervor, dem sogenannten Ektoderm. 

„Eine Mitarbeiterin von mir konnte an Mäusen zeigen, dass Stress über sogenannte Neuromediatoren in der Haut eine Entzündungsreaktion auslöst“, erläutert Prof. Uwe Gieler. „Und bei Menschen, die starken seelischen Belastungen ausgesetzt waren, treten Hautkrankheiten häufiger auf.“ Das bedeute jedoch nicht, dass eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur „schuld“ an einer Neurodermitis, Rosazea oder Schuppenflechte sei. Ein Vorurteil, unter dem noch immer viele Betroffene zu leiden haben. „Dieser Zusammenhang ist nicht belegt“, stellt unser Experte klar. 

Richtig ist: Die genetische Veranlagung zu einer chronischen Hauterkrankung tragen vermutlich viele Menschen in sich. Ob sie jedoch ausbricht, hängt von mehreren, zum Teil noch unbekannten Faktoren ab. Stress gehört eindeutig dazu, erklärt aber nicht alles. „Mich traf die Krankheit ohne Vorwarnung“, erzählt Bea Kostrzeba. „Ich war zehn und guckte beim Fahrradfahren in den Rückspiegel. Da entdeckte ich plötzlich weiße Flecken an meinen Mundwinkeln. Das war ein Schock.“ Erst der dritte Hautarzt stellte die Diagnose: Vitiligo, die Weißfleckenkrankheit. Zwei Jahre später zog Bea Kostrzebas Familie nach Deutschland. Alles war anders, neu, fremd. Dazu die Pubertät. „Ich schämte mich und hatte das Gefühl, dass alle mich anglotzen“, erinnert sich die gebürtige Polin. Seit dieser Zeit hat die Erzieherin, die heute bei Würzburg lebt, das Haus nie ohne Make-up verlassen. Sie sagt: „Je mehr mich belastet, desto mehr kommen die Flecken.“ 


Starke Seele - gesunde Haut

Unter (Dauer-)Stress steigt also nicht nur das Risiko, eine Hautkrankheit zu bekommen, diese kann auch selbst zum Stressauslöser werden, weil ein gestörtes „Haut- Ich“ das Selbstwertgefühl der Betroffenen beeinträchtigt, manchmal sogar ein Leben lang. Ein fataler Teufelskreis: Seelische Belastungen verstärken die Symptome der Hautkrankheit, was wiederum auf die Psyche drückt und so weiter. 29 von 100 Hautkranken leiden einer europaweiten Studie zufolge gleichzeitig an einer psychischen Erkrankung, vor allem an Ängsten und Depressionen. „Bei Narben ist ebenfalls gut belegt, dass sie die Betroffenen sehr verunsichern können“, ergänzt Prof. Uwe Gieler. „Sie finden ihre Wundmale hässlich, lehnen sie regelrecht ab. Hinzu kommt, dass eine Narbe häufig negative Erinnerungen wachruft.“ 

Moment – wenn Haut und Seele so eng zusammenhängen, wirkt sich dann eine selbstbewusste, gelassene und zufriedene Psyche auch positiv auf den Verlauf von Hauterkrankungen aus? Die Antwort: Ja. „Diesen Ansatz nennen wir Psychoedukation“, sagt Prof. Uwe Gieler. In mehrwöchigen Kursen werden Betroffene umfassend über ihre Krankheit und Therapien informiert. Sie lernen, Stress gesünder zu ver­ arbeiten, motiviert zu bleiben und ihre Situation positiver zu bewerten. „Bei Neu­rodermitis werden diese Schulungen be­reits von den Krankenkassen bezahlt“, sagt Prof. Uwe Gieler und ermutigt alle, solche Angebote wahrzunehmen: „Sie wirken nachhaltig. Die Teilnehmer gehen auch noch ein Jahr danach seltener zum Haut­arzt oder ins Krankenhaus, weil sie weni­ger Beschwerden haben. Ihre Lebensquali­tät steigt eindeutig an.“ Tatsächlich gilt also: Geht es unserer Seele gut, geht es unserer Haut gut – und umgekehrt. 

Mit diesem Wissen lassen sich Schön­heitsideale als das entlarven, was sie sind: völlig überzogen. Täglich vergleichen wir uns mit makellosen Models, sehen am Computer bearbeitete Fotos von Frauen­ körpern. „Dann hilft es, sich vor Augen zu halten, dass Models nur 0,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Also entsprechen 99,8 Prozent nicht diesem Schönheitsideal“, rechnet Prof. Uwe Gieler vor. Kurz: Sein „Haut­-Ich“ zu pflegen und mit Make­-up­ Produkten ein bisschen zu tricksen, wie es Millionen Frauen täglich tun, hilft auch in schweren Zeiten, wie die Geschichte von Claudia Homberg eindrucksvoll beweist. Sein „Haut­-Ich“ zu verstecken, nur weil es aus der Norm fällt, schadet eher. 

„Ich bin auch ungeschminkt und ohne Schmuck tanzen gegangen“, erzählt Margit Lieth selbstbewusst. Inzwischen hat sie keine Be­schwerden mehr. „Meine Neurodermitis schläft, sage ich immer. Und ich hoffe, sie schläft noch recht lange.“