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Gesundheit Der Tinitus-Effekt

Mehr als drei Millionen Deutsche leiden an Tinnitus, quälenden Tönen im Ohr. Kann Musik das heilen? Und Singen? Klingt absurd. Doch eine Ambulanz in Heidelberg versucht genau das – mit Erfolg. VITAL hat sich dort umgehört.

Tinnitus

Das Piepen nervt sofort. Exakt 8786 Hertz kommen aus den beiden kleinen schwarzen Lautsprechern auf dem Schreibtisch von Prof. Hans Volker Bolay. „Das ist er“, sagt sein Patient Jens Schweighöfer und nickt. „Das ist mein Tinnitus.“ Er hört ihn seit sieben Jahren. Zwei Reha-Aufenthalte hat er hinter sich. Sogar an einer Studie der Uniklinik Regensburg nahm er teil. Es half nichts. „Sie müssen damit leben lernen, hieß es dann“, sagt Schweighöfer und klingt nicht so, als würde er das noch eine Sekunde länger wollen.

Knapp vier Stunden Autofahrt hat er auf sich genommen, um sich am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) in Heidelberg vorzustellen – die einzige Institution in Deutschland, die eine wissenschaftlich fundierte Musiktherapie gegen chronischen Tinnitus anbietet. In der Ambulanz von Prof. Bolay, untergebracht im Erdgeschoss eines Bürogebäudes im Stadtteil Wieblingen, zwischen Finanzamt und Supermarkt, sitzt Schweighöfer zum Vorgespräch. Nachdem Prof. Bolay seine Tinnitusfrequenz ermittelt hat, zieht er Einmalhandschuhe über und untersucht die Druckempfindlichkeit der Nasennebenhöhlen, der Kiefergelenke und die Halswirbelsäule. „Ich kaue schon länger vor allem auf der rechten Seite“, gibt Schweighöfer zu.

Bolay nickt, setzt sich und sagt: „Sie wissen, dass wir nicht allen Patienten helfen können? Bei 20 Prozent wirkt unsere Therapie nicht.“ Schweighöfer nickt. Er wirkt wie ein Mann, für den das Glas stets halb voll ist. Und am DZM stehen seine Chancen besser als Fifty-fifty: Bei 80 von 100 Patienten lassen die Ohrgeräusche durch die Behandlung deutlich nach oder verschwinden - unabhängig davon, wie lange sie vorher bestanden. Das belegt eine aktuelle Langzeitstudie. Doch diese Zahlen erwähnt Prof. Bolay eher beiläufig.


Das Gehirn beginnt selbst Töne zu erzeugen

„Als Forscher sind wir mit diesen Zahlen natürlich hochzufrieden“, sagt der 60-Jährige, nachdem er Schweighöfer für weitere Tests an eine Kollegin übergeben hat. „Doch die Patienten frage ich immer, ob sie mit einem Klempner zufrieden sind, der jeden fünften Wasserhahn nicht reparieren kann.“ Er tut das, weil er weiß, wie viele unseriöse Anbieter von Tinnitustherapien mit ihren vermeintlichen Erfolgen prahlen. „Das ist ein großer Markt“, bestätigt auch Prof. Peter Plinkert, Direktor der HNO-Uniklinik Heidelberg, der für das Interview extra ins DZM gekommen ist. Ginkgo, Laser, Ohrkerzen, Neurostimulatoren – die Liste der angeblichen Heilsbringer ist lang. „Als uns Herr Bolay seine Methode vorstellte, kannte ich bestimmt schon 50 andere, die nicht funktionierten. Damals dachte ich: Vergiss es“, gesteht Plinkert. Heute arbeiten die beiden eng zusammen. „Ich musste umlernen. Seine Ergebnisse haben mich überrascht und überzeugt.“

Bolay lächelt. „Man braucht gute Nerven unter Schulmedizinern. Unsere ersten Studien mussten wir dreimal einreichen, bis eine Fachzeitschrift sie ver-öffentlichte.“ Zu lange galt Musiktherapie in Deutschland als halbseiden. „Zu Recht“, räumt Bolay ein. „Es existierten so gut wie keine wissenschaftlichen Studien. Deshalb mussten wir schrittweise vorgehen.“ Er startet eine kurze Animation auf seinem PC. Sie zeigt Aufnahmen einer funktionellen Magnetresonanztomografie an Testpersonen, die entweder Musik oder einen Tinnitus hörten. Sichtbar aktiv ist jeweils nicht nur die sogenannte Hörrinde. Auch Gehirnteile, die für Gefühle und Gedächtnis zuständig sind, leuchten rotorange auf. „Interessanterweise war die Aktivität beim Musik- und beim Tinnitushören fast identisch. Tinnitus ist also ein neurologisches Problem“, erklärt Bolay. Auf dieser Grundannahme beruht die Therapie am DZM.

 

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