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Wohlbefinden Endlich Ich

Eigen, nicht artig: Dinge anders zu machen als alle anderen erfordert Mut – schenkt aber viel Wohlfühlglück. Denn gesunder Egoismus ist die Kunst, sich um sich selbst zu kümmern, bevor es kein anderer tut. vital-Autorin Nadine Barth über das einzigartige Gefühl des Monats.
Frau lacht auf dem Sofa mit roten Haaren

Sie nannten mich "Stadtindianer" und das lag an den schillernden Tüchern die ich zur Kordel geschlungen um den Kopf band. Meine Turnschuhe hatte ich mit zwei verschiedenen Plaka-Farben angestrichen, ein Paar orange-hellblau, das andere grün-gelb, auch sonst konnte es mir nicht bunt genug sein. Mit wiegenden Schritten ging ich über den Schulhof, mittig, von den Pavillons zur Aula, und ich wusste, dass sie mir nachschauten, vielleicht neidisch, weil ich mich etwas traute, was sie in ihren eintönig grauen V-Pullovern und den langweiligen Jeans nicht wagten, vielleicht auch abfällig, aber das war mir egal. Die Schule war meine Bühne – es gefiel mir, auf ihr herumzutanzen wie auf einem leuchtenden Mohnfeld...

Warum war das so? Was war passiert?
 
Bei meiner Einschulung war ich noch eine dieser blonden langhaarigen Hamburger Deerns gewesen, mit Kirschen im Haar und Pferdepostern an der Wand. Ich ging in den Turnverein, hatte meine Hausaufgaben vor dem Mittagessen fertig, las „Fünf Freunde“-Bücher von Enid Blyton. Doch mit ca. 11, 12 Jahren kippte das Gefüge, und zwar gleich doppelt. Wir waren eine Clique, vier Jungs, vier Mädchen, wir trafen uns am Berliner Tor, fuhren kreuz und quer durch die Stadt, rissen die U-Bahn-Türen noch während der Fahrt auf (das ging damals), wir strolchten über den Steindamm, knutschten paarweise, fingen an, Bier zu trinken, natürlich auch zu rauchen. Ich rauchte erst mit, doch als hätte das Verbotene seinen Reiz für mich darin, es abzulehnen, sagte ich plötzlich zu den anderen: „Nö, lasst mal, ich will nicht.“ Sie schauten mich überrascht an, erst fanden sie das blöd, schließlich war das gemeinsame Rauchen wie ein Geheimvertrag der Clique, dann wurde meine Abstinenz akzeptiert.
 

Mut zu Veränderungen

Ich begriff: Die Normen einer Gruppe sind stark, aber man kann sie auch brechen. Die Jahre danach testete ich immer wieder aus, was geht und was nicht. Mit 15 hatte ich ein Mofa, fuhr wie die anderen in die Clubs, trank dort aber nur Kakao (die Barkeeper hassten mich), aber das ging. Nach der Schule arbeitete ich als Model und studierte gleichzeitig Philosophie. Das ging überhaupt nicht. Die Bookerinnen in der Agentur wollten lieber mit Models arbeiten, mit denen sie Schminktipps austauschen konnten. Und meine Philosophie-Kommilitonen fanden mich höchst suspekt. Ich saß in den Seminaren und dachte darüber nach, ob ich erst nach Mailand oder nach Paris fahren sollte. In der anderen Welt las ich, während ich im Studio auf ein Shooting wartete, in Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Ich balancierte ein paar Jahre zwischen diesen Extremen, bis es knallte, ich kurz vor der Saison Windpocken bekam und mit 200 juckenden Flecken an keine Schauen mehr zu denken war.
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Nadine Barth