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Kolumne Verena Carl Coach statt Couch

Therapie war früher, heute haben wir Berater. Aber VITAL-Kolumnistin Verena Carl ist überzeugt: Es kann nur einen echten Experten für jeden von uns geben.

Illustration von Gisela Goppel

Pssst, Sie da! Ja, Sie mit dem entspannten Gesichtsausdruck! Darf ich Sie was fragen? Verraten Sie mir doch bitte, nach welchem Ernährungskonzept Sie heute Ihr Frühstück geplant haben. Und, falls Sie Kinder haben, nach welchen Kriterien Sie Schulbrotbelag, Tupperdose und Trinkflasche miteinander kombinieren. Noch etwas: Wer hat Ihnen beim Anziehen geholfen? Wie bitte? Sie haben keinen Coach? Oha. Sie sind aber beratungsresistent! Aber vielleicht ist auch nur einer der wichtigsten Gesellschaftstrends der letzten zehn Jahre an Ihnen vorbeigerauscht: handgestrickte Lebenshilfe für alles. Und jeden.

Bevor das in Mode kam, konnte man auf Partys noch ungestraft Therapeutenwitze reißen, nach dem Motto: Also die Amerikaner, zwinker, zwinker, die rufen bei Problemen eher ihren Shrink an als ihren besten Kumpel. Heute ist der Psychoanalytiker auch hierzulande längst von einer Reihe spezialisierter Dienstleister ersetzt worden: vom Karriere-Coach bis zum Flirt-Coach, vom Personal Trainer für die definierte Oberschenkelmuskulatur bis zum Shopping- Coach für den stilsicheren Auftritt. An den Laternenpfosten meines Viertels lockt sogar ein Abrisszettel mit Coaching to go. Jeden Morgen frage ich mich, ob die auch eine Antwort auf meine derzeit wichtigste Lebensfrage haben: Wie synchronisiere ich die Geh-Geschwindigkeit eines Zweijährigen und einer Fünfjährigen, die spätestens um neun beim Singkreis im Kindergarten sitzen sollen? Und zwar beide in Hausschuhen?

Autor:
Verena Carl