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Verena Carl Kolumne Die beste Freundin

Sie bleibt selten lebenslänglich, und phasenweise ist die beste Freundin nicht mal wichtig. Schlimm? Nein, findet VITAL-Kolumnistin Verena Carl – denn was gut war, kommt wieder.

Illustration Silke Werzinger

Manchmal kann einen nur ein einziger Mensch retten: die beste Freundin. Meine hatte immer reichlich zu tun. Zuerst war da Ute: Mit fünf rettete sie mich vor einer Holzclog-Attacke des Nachbarkindes, zehn Jahre später verhinderte sie, dass ich mich aus Versehen dem falschen Jungen an den Hals warf. Ich war gleichzeitig verliebt, kurzsichtig und zu eitel für eine Brille. Deshalb lotste sie mich auf Partys unauffällig in Richtung meines Schwarmes („Merk dir die rosa Sweatshirt-Jacke!“).

Dann gabelte sich unser Weg: Appartement gegen Gammel-WG, Jurakarriere gegen Poetry-Slam-Bühne, Dauer-Liebe gegen dauernd wechselnde Liebe. Ich kaufte mir Kontaktlinsen, eine neue beste Freundin bekam ich geschenkt. Auch Nina war gut im Retten, etwa vor hormongesteuerten Attentaten auf Ex-Freunde („Nein, du fährst nicht nachts um zwei zu Frank – und schon gar nicht nach drei Bier!“). Wir tranken Skilehrer unter den Tisch und übten Linksverkehr auf Kapstadts Autobahnen. Wir mögen uns noch immer. Aber es liegen 800 Kilometer zwischen uns und Lebensentwürfe, die sich zeitweise in wildem Zickzack voneinander entfernt haben.

Jetzt bin ich 40 und habe keine beste Freundin mehr. Stattdessen habe ich viele. Jede tut mir auf ihre Weise gut: Bettina mit ihrem Talent zum Genuss, Birgit mit ihrem trockenen Witz, Nadja mit ihrer Lebendigkeit. Und Boheme- Susanne pustet mir den Kopf frei mit ihrer Art zu denken. Mit einer kann ich über milchfläschchensüchtige Kleinkinder fachsimpeln und mit der anderen über intrigante Kollegen. Eine kommt mit ins Theater, und die andere hält mich beim Joggen vom erstbesten Einkehrschwung in ein Café ab. Aber bei keiner von ihnen habe ich jemals zu einer Uhrzeit jenseits der „Tagesthemen“ angerufen.

Kein Bedarf mehr an Rettung? Kein Talent mehr zur Freundschaft? Doch. Aber zum einen sollte eine Frau tatsächlich irgendwann fähig sein, sich selbst zu retten. Oft bringt ein wortkarger innerer Monolog („Wer spinnt hier, Chef oder ich?“) eben mehr als ein aufgeregter Telefondialog. Zum anderen ist das eigene Leben voll geparkt. Mit Buggys und Bobby-Cars, mit Business-Trolleys, Yogamatten, elektrischen Heckenscheren oder allem gleichzeitig. Meistens steht auch ein Mann darin herum, der notfalls aus fünf Meter Entfernung Luftlinie herbeispringt.

Trotzdem bleiben Freundinnen wichtig. Als Akku für die Auszeit zwischendurch. Als Fenster, durch die man neugierig andere Lebensmodelle beobachtet. Aber sie spielen nicht mehr die Hauptrolle. Das mag traurig sein, ist aber gleichzeitig entspannend. Weil keine mehr wegen sechs Wochen Funkstille böse wird. Weil jede weiß: Mir geht‘s genauso. Aber ich vergesse dich trotzdem nicht.

Und es muss ja nicht so bleiben. Wenn das Leben eines Tages nicht mehr so voll gestellt ist, weil die Bobby-Cars, die Trolleys und – leider oder Gott sei Dank! – manchmal auch die Männer daraus verschwinden. Vielleicht wohnen wir alle mit 75 in coolen „Golden Girls“-WGs. Und vielleicht habe ich dann statt der vielen netten Freundinnen wieder die eine, die wahre, die mir ganz nahesteht. Die mich tröstet und rettet („Computerprobleme? Da ruf ich meinen Enkel an!“) und mit der ich gemeinsam durch Herbstwälder walke. Utes Telefonnummer habe ich jedenfalls noch.

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Autor:
Verena Carl