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Leben Mein magischer Moment

Eine besondere Begegnung, eine Erkenntnis, eine Welle des Glücks: In manchen Momenten scheint die Zeit stillzustehen. Dann offenbart uns das Leben, wie alles gut werden kann.
Nonne sitzt auf einer Bank in einem weißen Gewand

Sein Leben konnte er sich nicht schöner vorstellen: Der junge Matthias Beck, Junior-Europameister im Dressurreiten, steht kurz vorm Abschluss seines Medizinstudiums. Hand in Hand spaziert er mit seiner Freundin über die Felder in der Nähe eines Gestüts bei Hannover. Da trifft es ihn wie ein Blitzschlag: „Plötzlich wusste ich, dass es mehr gibt als all das. Dass eine Kraft mich hält. Dass etwas sich stark verändert hat.“

Die Erkenntnis dauert gerade mal eine Sekunde. Lange genug, um den damals 25-Jährigen komplett zu erschüttern. Er quält sich durch die Examensprüfungen, verkauft seine Pferde, beendet seine Beziehung. „Ich war klar bei Verstand, aber trotzdem total durcheinander. Der Umbruch hatte begonnen“, erzählt der heute 57-Jährige. Er dauerte viele Jahre. Heute ist Beck Theologie-Professor am Institut für Moraltheologie in Wien. Außerdem Medizinethiker und seit zwei Jahren katholischer Priester. In Büchern und Schriften hat er sich mit dem Phänomen dieser besonderen Augenblicke befasst. „Sie wirken wie eine Initialzündung. Ohne, dass man das will oder steuert oder es besondere Auslöser gibt. Man wird einfach getragen von einer Kraft, die außerhalb unseres Verstandes liegt.“
 

Wunder kommen ungeplant

Das ist das Magische an solchen Momenten: Sie treffen, überschütten und erfüllen den ganzen Menschen völlig ungeplant. Für eine Sekunde, eine Stunde, einen Tag. Zeit und Raum spielen keine Rolle. Plötzlich macht das Leben eine Vollbremsung, und es ist klar, dass der Wegweiser von nun an in eine andere Richtung zeigt. Wen es erwischt, der steckt mittendrin und hat doch den Überblick über das große Ganze, kann es aber oft erst viel später begreifen. Ein Phänomen unser heutigen Zeit sind solchen magischen Erlebnisse keineswegs. Kairos nannten die Philosophen im antiken Griechenland diesen besonderen Moment, den geglückten, den richtigen, den lebensverändernden. Zu allen Zeiten hat er die Menschen beschäftigt. Immer wieder wurde er anders gedeutet.
 
Und nie war ganz klar: Ist er ein Geschenk oder eher eine Belastung? Denn eines steht fest: Ein so intensives, überraschendes Erlebnis kann wunderschön sein, aber auch verstörend und beängstigend. „Niemand reißt sich um eine radikale Kursänderung. Man wird vielmehr geschoben und gedrückt“, sagt Beck.
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Autor:
Lena Reseck