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Wie weise sind Sie?

Wir alle wünschen uns ein ausgewogenes Urteilsvermögen und die Kraft, Krisen zu meistern. Wie wir das erreichen? Durch Übung. Denn die persönliche Weisheit – oder, anders gesagt, die Kunst des guten Lebens – wächst durch Praxis

Wenn man fragt: „Was ist Weisheit?“, fällt die Antwort meist umfangreicher aus. Als weise werden Menschen charakterisiert, die feste Werte haben, die sie auch für einen kurzfristigen Vorteil nie verraten würden. Sie wissen, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit gibt und können Probleme von vielen, auch ungewöhnlichen Seiten betrachten. Ihre Entscheidungen sind deshalb meist klug und weitsichtig. Von Schicksalsschlägen lassen sie sich nicht unterkriegen, sondern gehen häufig sogar gestärkt aus der schweren Zeit hervor.

Man sieht schon: Weisheit ist nicht eine einzige Eigenschaft, sondern ein bunter Strauß positiver Fähigkeiten. Der Lebensspannen-Forscher und Weisheits- Experte Paul Baltes hat es trotzdem geschafft, eine knappe Definition zu formulieren: „Weisheit ist das Expertenwissen in Bezug auf die fundamentalen Tatsachen des menschlichen Lebens.“ Oder, praxisnäher formuliert: „Weisheit ist das Wissen über Wege und Mittel, ein gutes Leben zu führen und Zusammenhänge zu verstehen.“

Und wie sieht das im Alltag aus? Wer ein wenig nachdenkt, merkt: Fast jeder kennt Menschen, die weise sind. Nur häufig nennen wir sie nicht „weise“, sondern einfach „lebensklug“: die Freundin, die trotz einer Krebs-Erkrankung jeden Tag Freude ausstrahlt. Die Eltern mit dem schwierigen Kind, die genau das richtige Maß an Liebe und Strenge finden. Die Schwester, die aufmerksam zuhört und kluge Fragen stellt, so dass nach einem Gespräch mit ihr jedes Problem lösbar scheint. Der Freund, der seinen Job verlor und die Krise nutzte, um sich beruflich anderweitig zu orientieren – und jetzt im neuen Job viel zufriedener ist.

Diese Menschen bewundern wir und wären gern ein bisschen wie sie. Aber statt uns zu fragen: „Wie kann auch ich das erreichen?“, wischen wir das kleine Neidgefühl schnell weg und schreiben diesen weisen Menschen ein besonders glückliches Gemüt oder sogar Naivität zu. Als wären sie nur so lebensfroh, weil sie den Ernst der Lage nicht erkennen. Schnell gehen wir wieder zu unserer eigenen Tagesordnung über. Und da ist Tempo und Flexibilität gefragt, statt weiser Fähigkeiten wie Geduld und Durchhaltevermögen.

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Autor:
Carola Kleinschmidt