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Kolumne von Verena Carl Rollentausch? So einfach ist das nicht

Papa kocht, Mama dübelt, und trotzdem werden sie nicht glücklich. VITAL-Kolumnistin Verena Carl hat sich Gedanken über moderne Rollenverteilung gemacht. Ihr Fazit: Alles umdrehen ist zu simpel.
Rollentausch in der Gesellschaft

Kennen Sie den „Girls Day“? Nein, das ist kein Synonym für einen Mädelsabend mit Prosecco und Männerstrip, eher das Gegenteil. Seit einigen Jahren sollen weibliche Teenager einen Schnuppertag in sogenannten „Männerberufen“ machen. Die Tochter einer Bekannten hätte in diesem Jahr gerne einen Innenarchitekten besucht, aber ihre Klassenlehrerin war dagegen. Merke: Eine Arbeit, bei der’s nicht knallt, zischt und stinkt, ist kein echter Männerberuf.

Verkehrte Welt?

Als ich das hörte, kam ich ins Grübeln. Jahrzehntelang waren sämtliche Vorstellungen dahingeschmolzen, was einen Mann ausmacht und was eine Frau. Jetzt, so scheint es mir, verfestigen sich die Vorstellungen wieder – nur leider werden die Gussformen allzu oft einfach ausgetauscht. Als müssten Frauen heute die besseren Männer sein und Männer die besseren Frauen.
Nicht nur die Praktikantin am „Girls Day“ stellen sich die meisten mit Blaumann und Schutzbrille vor; eine erwachsene Frau, die auf sich hält, bekommt ihre Kinder unter dem Konferenztisch zwischen zwei Vorstandssitzungen und ist beim Parkettschleifen so souverän wie beim Kosmetikeinkauf.

Der neue Traummann

Der Traummann 2013 kann dagegen gleichzeitig drei Meter lange Babytragetücher binden und seiner gestressten Frau eine Shiatsu-Fußmassage verpassen. Die Physikerin im Kanzleramt, die Yahoo- und Facebook-Chefinnen, der Grünen-Politiker, der über seine Seelenreise als Vater ein Buch schreibt – sie alle stehen für eine alte Welt unter neuen Vorzeichen. Und der Nachwuchs lernt die neuen Spielregeln schon, ehe er selbst lesen kann: Mutige Recken und anmutige Burgfräulein sucht man in aktuellen Büchern und Filmen vergeblich.
Der typische Kinderbuchritter ist ein unsympathisches Großmaul, faul und feige, wenn’s drauf ankommt. Die Prinzessinnen haben die Hosen an, weigern sich, zu sticken und Suppe zu kochen, und tricksen die Angreifer nebenbei mit der Erbsenschleuder aus. Doch, das vorzulesen macht Spaß. Nur manchmal tut mir mein Sohn ein bisschen leid angesichts dieser geballten Frauenpower.

Dabei ist diese Haltung nicht verkehrt. Ich denke, die Frauenquote ist eine gute Idee. Bin begeistert vom punkigen Erzieher in Henris Kita, der aus Industrieabfällen Amphibienfahrzeuge bastelt. Freue mich, wenn Helen lieber Sachbücher übers alte Ägypten liest als bonbonbunte Lillifee-Comics. Trotzdem glaube ich, dass wir oft etwas Entscheidendes übersehen. Menschen sind ja nicht nur Männer oder Frauen, XY oder XX. Sondern jeder und jede ist ein Wesen für sich mit eigenen Begabungen und Leidenschaften. Schade, wenn es Anerkennung nur für den Teil gibt, der gerade in den Zeitgeist passt.

Sich selbst treu bleiben

Warum bewundern wir die Möbeltischlerin eher als den Automechaniker? Ich glaube: Wirkliche Gleichberechtigung haben wir, wenn wir keinen „Girls Day“ mehr brauchen. Wenn eine Frau ein Dax-Unternehmen leiten oder die eigene Familie managen kann, ganz, wie’s ihr gefällt. Und kein schlechtes Gefühl mehr haben muss, wenn ihr Mann den Badezimmerspiegel andübelt. Wenn das Yin und das Yang, unsere weiblichen und die männlichen Seiten, endlich nicht mehr kämpfen müssen. Sondern sich umarmen. In diesem Sommer trägt Helen übrigens am liebsten einen Strohhut mit Band zur Löcherjeans von ihrem älteren Cousin. Sie findet, das passt super zusammen. Finde ich auch.

 

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Autor:
Verena Carl