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Kolumne Selbst ist die Frau

Tickets ausdrucken, Möbel kassieren, Pizza belegen: Früher erledigte Fachpersonal diese Tätigkeiten. Der moderne Mensch packt – notgedrungen – selber an. Auch Vital-Kolumnistin Verena Carl.

Selber machen

Samstagvormittag, an der Kasse eines großen skandinavischen Möbelhauses. Eine hochrangige Vital-Redakteurin (ihr Name tut nichts zur Sache) stellt sich einer neuen Herausforderung: Selbstkassieren.

Mit Schwung hält sie Badematte Örebrö und Gartenbank-Bauset Mykketykke an den Scanner und führt ihre Bankkarte auf Anhieb richtig herum in das Lesegerät. Pörfökt. Sie könnte locker jede IHKPrüfung zur Einzelhandelskauffrau bestehen. Glaubt sie. Von wegen. Zwei Stunden später stellt sie entsetzt fest, dass sie vergessen hat, ihre EC-Karte wieder herauszuziehen. Bei ihrer Rückkehr hält ihr die Kassiererin einen Stapel davon hin und tröstet: „Das geht allen Kunden so beim ersten Mal.“

Zur gleichen Zeit, zehn Kilometer weiter südlich. Eine Kolumnistin derselben Zeitschrift (auch sie soll anonym bleiben) will sich voller Frühlingsgefühle auf eines der Leihfahrräder schwingen, die Hamburg fast überall zur Verfügung stellt. An einem Standbildschirm muss sie zahlreiche Fragen beantworten (Kontoverbindung? Sternzeichen der Haustiere?), ehe ihr ein „Gute Fahrt!“ entgegenleuchtet. In einem hämischen Grünton.
Das Fahrradschloss sitzt noch immer fest, als müsse es die Goldreserven von Fort Knox sichern. Erst ein Hotline-Anruf lüftet das Geheimnis: eine Tastatur, fast unsichtbar am hinteren Rahmenteil angebracht, zu betätigen vor Fahrtantritt, mit einem noch zu erfragenden Geheimcode. Kolumnistin und Redaktionskollegin, obwohl räumlich getrennt, stoßen zeitgleich einen Stoßseufzer aus: Alles muss man selber machen! Dabei fing alles harmlos an, in den Siebzigern.

Unsere Mütter fanden es noch cool, aus den Gurkengläsern im SB-Markt auszuwählen, statt dass Tante Emma im Riesenfass mit sauer Eingelegtem fischte. Und herumtratschte, dass man saure Gurken verlangt hätte, man sei doch nicht etwa …? Selbertanken förderte die Emanzipation, Bargeld rund um die Uhr erleichterte das Leben. Seither hat sich der Mensch notgedrungen weiterqualifiziert: zur Bodenstewardess, zum Zugfahrkartenverkäufer, zum Koch und Kellner.
Etwa in einer deutschen Restaurantkette mit italienischem Namen, der übersetzt „Mach mal langsam“ heißt. Piano geht es aber höchstens, weil vor dem ersten Biss eigene Arbeit steht: Pasta, Soße und Beilagen zusammenstellen, am Tresen ordern, schließlich angespannt ein handtellergroßes Gerät anstarren, das aussieht wie ein Mini-Ufo. Plärrt und blinkt das Ufo, holt man am Tresen eine Art Rohfassung des Gerichts ab. Die Feinheiten muss, äh, darf wieder der Gast machen: würzen, ölen, Basilikumblätter von den Bäumchen auf dem Tisch zupfen. Buon appetito.

Jede Wette: Da geht noch was. Nicht nur in der Gastronomie. Wie wäre es zum Beispiel mit Fly-yourself-Tickets, bei denen jeder Passagier auf ein paar Knöpfe drücken und „Roger!“ rufen darf? Personal Feiling, dem Nagelstudio mit Selbstbeteiligung? Oder „YouWrite“ – dem modernen Lifestyle magazin, in dem der Leser die gewünschten Artikel handschriftlich in grosszügige Textboxen eingibt? Wie es der Vital-Mitarbeiterin weiter erging, wissen wir nicht. Wohl aber, was aus ihrer Kolumnistenkollegin wurde. Die fühlte sich bedient. Sie radelte in das rückständigste Gartenlokal, das ihr einfiel, und bestellte ein Kännchen Kaffee, für draußen. Dann zückte sie ihr Notizbuch und begann, ihren neuen Text zu schreiben. Denn diese Aufgabe konnte ihr nun wirklich keiner abnehmen.

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Autor:
Verena Carl