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Kolumne Liebe hat eine Pausentaste

Im Alltag begegnen wir oft Menschen, die uns ganz nebenbei wichtige Dinge beibringen. Diesen Monat erfährt VITAL-Kolumnistin Verena Carl etwas Neues über langjährige Beziehungen.
Liebe

Es stimmt, im Leben einer Frau gibt es viele Sorten von Arbeit. Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Schularbeiten von Klasse eins bis zwölf – wir wuppen sie alle. Dazu kommt, ganz wichtig: Beziehungsarbeit. Das A und O einer langjährigen Gemeinschaft, so erklären es uns Paar-Psychologen: über Gefühle sprechen, gemeinsame Hobbys (Tandemfahren! Tangokurs!) und jedes Jahr mindestens für ein Wochenende ins Romantik-Hotel. Pflichttermin. Eigentlich einer der schönsten – aber oft auch ein Schritt in Richtung Romantik- Burn-out. In einer Badewanne mit Löwenfüßen suhlen wir uns zu zweit im Sandelholzduft, kneten seine behaarten Füße und sehnen uns heimlich danach, mal nichts zu tun.

Einfach mal nichts tun

Die Beziehungsarbeit schleifen zu lassen. Eine Pausentaste zu drücken, weil das Leben phasenweise zu anstrengend ist, um sich auch noch um die Liebe zu kümmern. Mir geht es wie vielen Ü-40-Frauen. Auch ich bin zwischen Kolumnenschreiben und Interviews, Elternratssitzungen und Brotbacken meist zu müde für Fußmassagen. Oder gute Gespräche. Dabei liebe ich meinen Mann – seit 13 Jahren. Aber jedes Mal, wenn ich abends allein auf dem Sofa lümmle und er im Nebenzimmer vor sich hin pusselt, meldet sich mein schlechtes Gewissen und stänkert: „Willst du vor dem Scheidungsrichter enden? Oder wollt ihr mal eines dieser Seniorenpaare werden, die sich sonntagmittags über Königsberger Klopsen anschweigen?“ Bis ich neulich gleich zwei Frauen begegnete, die meinem Gewissen den Mund gestopft haben. Endlich.

Die Liebe ist geduldig

Die eine ist meine Freundin Anita: 15 Jahre verheiratet, zwei Kinder, Mann mit glamourösem Job, aber viel unterwegs, ein Traumhaus mit Garten. Perfekt? „Wir sehen uns selten, wir haben längst nicht jedes Mal Sex, jeder macht sein eigenes Ding“, erzählte sie mir neulich bei einem Glas Wein. Ich nickte mitfühlend und hielt schon mal meine Arme bereit, falls sie sich schluchzend hineinwerfen wollte. Wollte sie aber nicht. Anita ist zufrieden: „Uns verbindet so viel, da wäre es doch gelacht, wenn wir deshalb Schaden nehmen.“
Lieber mit der Freundin zum Yoga gehen als mit dem Ehemann zum Inder, im Bett über Monate nur lesen: Das kann auch ein Liebesbeweis sein. Du bist eine tolle Frau, ein toller Mann – das musst du mir nicht jeden Tag beweisen. Denn ich bin morgen auch noch da. „Er ist und bleibt meine große Liebe“, sagte Anita über ihren Mann. „Deshalb möchte ich ihn mir auch aufheben. Für später, wenn wir wieder mehr Zeit haben.“

Drei Tage später stieß ich beim Kurznachrichtendienst Twitter auf den Kanal von Dr. Ruth Westheimer – Beraterin, Kummerkastentante – eine Art amerikanische Erika Berger, nur mit drei Tonnen mehr Charisma. Dr. Ruth ist mittlerweile 85 Jahre alt und twittert aus ihrem New Yorker Arbeitszimmer kluge Sätze in die Welt. Zum Beispiel diesen: „Um zu gedeihen, brauchen Beziehungen Raum zum Atmen und nicht, dass man sie ständig unter dem Mikroskop betrachtet!“ Das hat mich überzeugt.
Eine langjährige Liebe ist kein zartes Pflänzchen mehr, das jede Stunde neu im idealen Halbschatten justiert werden muss, sondern ein solides Gewächs. Ein Baum im Wald, der auch mal im Regen stehen darf. Ein guter Platz für ein Picknick zu zweit. Dieses Jahr beginnt unser vierzehnter Frühling. Ich freu mich darauf.

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