[Alt-Text]

Kolumne Gott versteht Spaß

Häufig vermitteln uns Menschen im Alltag nebenbei grundsätzliche Erkenntnisse. VITAL-Kolumnistin Verena Carl geht es nicht anders – ab sofort gibt sie ihr neu erworbenes Wissen weiter.
Erkenntnisse im Alltag

Neulich bekam ich eine E-Mail von meinem Yogastudio. Sie war kurz und bündig – und überhaupt nicht so, wie ich es von diesem Absender erwarten würde. Nichts mit Licht und Liebe, nichts mit Das-Göttliche-in-mir-grüßt-das-Göttliche-in-dir, sondern ziemlich diesseitig. „Schnacken wir nicht lange um den heißen Brei herum“, schrieben Jörn und Saranya, „ab sofort werden unsere Stunden etwas teurer.“ Dann kam die Begründung: „Wir könnten natürlich lange von gestiegenen Heizkosten herumschwurbeln oder lamentieren, dass die Bio-Äpfel immer teurer werden, aber seien wir ehrlich: Saranya wünscht sich einen neuen Heckspoiler für ihren Porsche Cayenne, und Jörn hätte für seine Golfausrüstung gerne endlich einen Putter mit vergoldetem Schlägerkopf.“

Gott hat eben doch Humor

Zuerst war ich perplex:Om, mein Gott! Dann überwies ich umgehend den neuen Beitrag für eine Zehnerkarte. Denn ich wusste, so etwas würde ich nicht so schnell wieder finden: einen Yogalehrer, der sich selbst nicht so ernst nimmt. Der ohne Hilfsmittel auf dem Kopf stehen kann, aber nicht auf den Kopf gefallen ist. In der Yogasprache heißt das Satya: Wahrhaftigkeit. Blitzartig wurde mir klar: Dazu gehören nicht nur schlaue Sprüche über feinstoffliche Energiebahnen, sondern auch selbstironische Mails. Genau das war bisher aber immer mein Problem mit dem Göttlichen. Ob entrückt blickender Buddha oder griesgrämiger Zauselbartträger: An einen Gott, der zum Lachen in den Keller geht, mag ich nicht glauben. Schon gar nicht an einen, der beleidigt ist, wenn jemand in seinem Haus Witze macht. Aber offensichtlich besteht Hoffnung. Nicht nur im Yogastudio. Auch in der Kirche, deren Turm ich von meinem Frühstückstisch aus sehe. Dabei haben Protestanten traditionell ungefähr so viel Sinn für Humor wie die Jahreshauptversammlung theoretischer Physiker. Anders am Faschingssonntag in Hamburg-Ottensen, mitten in der nord - deutschen Karnevals-Diaspora: Da steigt Pfarrer Howaldt mit Pappnase auf die Kanzel, hält gereimte Büttenreden vor Kindern im Pippi-Langstrumpf- oder Star-Wars-Kostüm, und der Organist stimmt kölsche Karnevalsschlager an. Einige Gemeindemitglieder können sich darüber himmlisch aufregen. Doch die Kirche ist bisher nicht vom Blitz getroffen worden. Wenn es da oben einen Zuschauer gibt, dann freut er sich offensichtlich über die Abwechslung im Programm.

Katholiken haben es übrigens schon länger raus, wie Andacht und Party gottgefällig verknüpft werden. Dazu muss man sich nur mal eine Osterprozession in Andalusien anschauen: Die Frauen verwandeln sich in Carmen-Doppelgängerinnen und stelzen Sherry schwenkend auf hohen Absätzen durch die Kopfstein pflastergassen; Männer rufen den Marienstatuen ein begeistertes „¡Qué guapa!“, „Wie hübsch!“, hinterher, als müssten sie Spaniens next Top-Madonna wählen. Vielleicht ist Gott ein Wesen auf einer anderen Ebene, vielleicht die Lebensenergie, die in jedem von uns steckt. Vielleicht ist er die Verkörperung von Weisheit, Liebe, Unendlichkeit. Vielleicht grölt er aber auch manchmal unanständige Karnevalshits, trinkt ein Bier zu viel oder spielt mit seinen Erzengeln eine Runde Golf mit dem vergoldeten Schlägerset. Vielleicht ist Gott auch nur ein Mensch. Das glaube ich gern.

 

Schlagworte: