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Kolumne Facebook hat mich erwischt

Social Networks – muss ich mitmachen?, fragte sich Vital-Kolumnistin Verena Carl lange. Jetzt denkt sie: Komm ich da jemals wieder raus?

Social Networks

Neulich betrat ich eine Kneipe als dynamische Journalistin im besten Alter und verließ sie als geistige Frühpensionärin. In aller Unschuld hatte ich beim Stammtischplausch mit einer jüngeren Kollegin vorgeschlagen, E-Mail-Adressen auszutauschen. Daraufhin sah sie mich mit jener mitleidigen Verachtung an, als hätte ich gerade Lady Gaga als „echt fetzig“ bezeichnet: immer diese Anbiederungsversuche älterer Leute. „Du, ich mach fast nur noch Facebook“, sagte sie schließlich. „E-Mail ist doch so ’n Rentnerding.“ Auf dem Heimweg spukten prompt Rentnersätze durch mein Hirn: „Wozu brauch ich das?“, „Ging doch früher auch ohne.“ Einen dritten las ich zwei Stunden später: „Hast du nichts Besseres zu tun?“ Mein Cousin hatte den Spruch auf seine Facebook-Seite gestellt – anstelle seines Fotos. Mit 15 Gameboy, mit 25 Internet, mit 41 Social Networks: Früher oder später kriegen sie mich. Auf Phase eins (störrische Trend-Verweigerung) folgt Phase zwei (milde Neugier), und dann braucht es nur noch einen Auslöser wie die Bemerkung der Kollegin. Noch am gleichen Abend legte ich meinen Facebook-Account an. Und fühlte mich wie das einzige Kind auf einer Geburtstagsparty, das aus einer anderen Kita-Gruppe kommt. Allein, allein. Im Sozialnetz haben alle mindestens 326 Kontakte und eine Pinnwand voller Fotos, die immer irgendjemandem gefallen. Panisch verbrachte ich die halbe Nacht mit elektronischen Kontaktanfragen. Zuerst an echte Freunde, dann an lang vergessene Weggefährten, zuletzt an entfernte Verwandte wie den Cousin, der alle so ironisch begrüßt.

Autorin Verena Carl, 41, lebt mit Mann und zwei Kindern, 2 und 5, in Hamburg. Sie schreibt u. a. Bücher und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.

In der Facebook-Welt gelten zwei Grundgesetze. Erstens: Menschen benehmen sich dort genauso wie im Real Life, obwohl Programmierer dafür komplizierte Algorithmen entwerfen mussten. Zweitens: Es sieht trotzdem viel spannender aus. Die Freundin, die auch mit 38 noch nicht weiß, was sie für eine Party anziehen soll, stellt Fotos ihrer Klamotten ein und lässt abstimmen. Wer offline nicht den Schnabel halten kann, kann es online erst recht nicht. Andere laden Fotos ihrer Kinder hoch, bei deren Anblick man sofort einen Experten buchen möchte, der in 15 Jahren diese digitalen Spuren aus dem Netz tilgt. Sonst wird’s für Finn-Luca später unangenehm, wenn der Personalchef ihn googelt: „Sieh mal an, ein Foto von Herrn Müller. Im Bärchenschlafanzug und mit Windelpo, und das nachweislich nach seinem dritten Geburtstag.“ Facebook mag Revolutionen in der arabischen Welt auslösen, für die meisten ist es eher die Erweiterung der Büro-Teeküche. Sogar Tiere und Grünzeug mischen mit: Dackel Douglas steht auf Schalke 04 und ist mit 101 Kumpels vernetzt, eine Topfpflanze (ebenfalls aus dem Ruhrpott) hat bescheidene 17 Freunde und hört gern Kylie Minogue.

Ja, ich gestehe: Es hat mich erwischt. Ich bin genauso süchtig, wie ich es vor 25 Jahren nach einem Gameboy-Spiel mit hüpfenden Affen war und vor 15 Jahren nach Internet-Chats. Aber ich kämpfe nicht dagegen an, sondern lasse es mit buddhistischer Gelassenheit geschehen. Irgendwann flaut die Sucht von allein wieder ab. Nehme ich an. Schließlich jage ich heute auch keine hüpfenden Elektro-Affen mehr. Die junge Stammtischkollegin hat übrigens bis jetzt meine Nachricht vom 3. Mai nicht beantwortet. Hat wohl etwas Besseres zu tun.