[Alt-Text]

Verena Carl Kolumne Erinnerungen an die Jugend

Bei Klassentreffen und anderen Jubiläen trifft man Menschen, die man lange aus den Augen verloren hat. Auch VITAL-Kolumnistin Verena Carl lief einer guten alten Bekannten über den Weg

Der schönste Satz des Abends kam von C. Da war es schon nach Mitternacht, und längst überlagerten sich diese widersprüchlichen Bilder: Der Junge von damals, der gelbe Popper-Pullunder trug und schneller errötete als alle anderen – und der smarte Chirurg an der Uniklinik meiner alten Heimatstadt, Freizeitbräune im Gesicht, gut sitzende Jeans. Da saßen wir also am Tisch eines mittelmäßigen orientalischen Restaurants, so wie in den Freistunden im „Café Gartenlaube“, als man Cappuccino noch mit Sprühsahne trank.

Und plötzlich sagte C.: „Wenn ich nur deine Hände sehen würde, ich glaube, ich hätte dich trotzdem sofort erkannt.“ Weil ich nämlich immer noch gestikuliere wie ein adriatischer Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt. Damals in den turbulenten Geschichtsstunden bei Herrn Jacobi, heute in Redaktionskonferenzen oder am Sandkastenrand. Plötzlich wusste ich: Wo auch immer das Leben uns hinwirft, tief in uns haben wir diesen soliden Kern, den wir Ich nennen. Ob es uns passt oder nicht. Ich musste an eine Liedzeile aus einem alten Simon-&-Garfunkel- Stück denken: „Isn’t it funny? After changes we are more or less the same.“

Ich dachte an mich selbst, an alles, was ich gewesen bin in den 20 Jahren seit dem Abitur: Streber-Studentin, Partymädchen mit unsolidem Liebesleben, Vielreisende mit Miles-and-More-Karte, Mutter mit heimlicher Vorliebe für Gummibärcheneis, zehn Kilo mehr als damals in der „Gartenlaube“. Und immer noch ich. Das war ein schönes Gefühl. Wenn sich ehemalige Mitschüler, Azubis oder WG-Mitbewohner wieder treffen, ist das eine zweischneidige Angelegenheit. Wenn es nicht gut läuft, ein Marktplatz für Lebenslügen und inoffizielles Schaulaufen: die beeindruckendste Visitenkarte, die bestfrisierten Kinder, die Immer-noch-glatteste Haut. Wenn es gut läuft, eine kleine Insel der überraschenden Begegnungen. Mit dem Ex-Gruftie, der jetzt ein gut gehendes Schuhgeschäft leitet, und der grauen Maus aus dem Deutsch-LK, die in einer Villa in Potsdam residiert. Mit Frauen, die immer noch die gleichen Henna-Frisuren haben wie 1989. Und nicht mehr ganz jungen Männern, die ebenfalls die gleiche Frisur haben wie damals, und die man trotzdem nicht erkennt. Weil sie damals noch nicht einmal Männer waren, sondern große Jungen.

Manchmal ist so ein Wiedersehen wie ein Date mit dem Leben selbst. Da war S., deren Sohn bereits so alt ist wie wir es bei unserer letzten Klausur waren, E., die mit 39 gerade zum ersten Mal schwanger ist, und neben ihr D., die ganz offen über ihre Krebserkrankung sprach. Und dabei eine Stärke ausstrahlte, die mich sprachlos machte. Je mehr die Fremdheit schwand, je leerer die Gläser wurden und je lauter die Gespräche, desto mehr verschmolzen die Bilder aus den verwackelten Abistreich- Filmen mit den Gesichtern um mich herum.

Um ein Uhr nachts schaute mich aus dem Toilettenspiegel plötzlich mein jüngeres Ich an: mit diesem „Für-mich-soll’s-rote-Rosen-regnen“-Blick, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass ich ihn draufhabe. Ich blieb dann nicht mehr so lange. Nicht nur, weil mein Sohn ungnädig wird, wenn nicht seine Mama ihm sein Frühmorgenfläschchen reicht. Sondern auch, weil ich mir diesen Gesichtsausdruck bewahren wollte. Weil es sich plötzlich so gut und richtig anfühlte, ich zu sein. Sie haben auch so eine Jubiläums-Einladung bekommen? Gehen Sie hin! Unbedingt! Denn einen tollen Menschen treffen Sie auf jeden Fall: sich selbst!