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Riechen Immer der Nase nach

Maulwürfe erschnüffeln zielsicher ihren Weg. Auch unser Geruchssinn ist ein perfekter Kompass. Wir müssen ihm nur vertrauen.
Maulwurf
Er lässt sich nur selten blicken, aber seine Anwesenheit ist kaum zu übersehen. Die kleinen Hügel verraten ihn meist, obwohl er sich doch immer so schön unter der Erde versteckt. Im Sommer o nur eine Menschenfußlänge unter der Wiese, wenn es kälter wird, bis zu einem Meter tief. Dort lebt er in einem Gangsystem, meist das ganze Jahr über ziemlich allein, er ist ein Eigenbrötler. Außerdem hat er anderes zu tun: Er muss graben. Wenn er ein Männchen ist, ist sein Gebiet etwa 6000 Quadratmeter groß. Ein Weibchen begnügt sich mit einem Drittel dessen. Hunger haben beide, und zwar fast immer. Es gibt Jagdgänge, Flure, Wohnzimmer, Lagerräume – alle zappenduster. Mit seinen winzigen Äuglein kann der Maulwurf da nichts anfangen, seine Ohren sind auch keine große Hilfe. Dafür ist er Weltmeister im Fühlen: Seine kleinen Fellhärchen und Barthaare verraten ihm, wie die Umgebung beschaffen ist. Wo er aber lang muss, weist ihm seine Nase. Spitz und rosig ragt sie voraus und zeigt ihm schnurstracks den Weg zu seiner Mahlzeit. Manchmal Regenwürmer, mal Schnecken, dann wieder Asseln. Die können lauern, wo sie wollen, die Maulwurfsnase entdeckt sie alle.
Sie dirigiert ihn nach rechts und links. Zielsicher. Es sei denn, irgendjemand verstopft eines der beiden Nasenlöcher, so wie der US-Biologe Kenneth Catania, der damit erst dem Geheimnis des Maulwurf-Orientierungssinns auf die Spur kam. Derart behindert, schickt der Riecher ihn auf Umwege. Ohne seinen körpereigenen Wegweiser geht gar nichts mehr.
 

Vertrauen Sie auf ihre Nase

Für den Knirps ist das Kaum-mehr-riechen-Können genau so verheerend wie für uns das Fast-nichts-mehr-sehen-Können. Obwohl wir durchaus noch andere Möglichkeiten häen, den Ausfall des für uns so wichtigen Sinnesorgans teilweise zu kompensieren, sind wir im plötzlichen Dunkel zunächst verloren. Vielleicht, weil wir uns das Fühlen ab- und das Funktionieren angewöhnt haben. Weil wir uns selbst nicht mehr vertrauen. Unser Tastsinn kann mit dem des Sternmulls – einer Maulwurfsart mit strahlenförmiger Nase, die über 100 000 Nervenenden auf einem Quadratzentimeter Haut versammelt – sicher nicht mithalten. Dabei ist unsere biologische Grundausstaung erstklassig. Aber wenn wir die Augen einmal schließen, merken wir doch, wie sensibel wir fühlen können. Und auch unsere Nase wird feinsinniger, wenn wir uns auf sie konzentrieren. Sie ist ohnehin unser bester Begleiter: Sie weiß nicht nur, wie Kaffee riechen muss, sie kann sogar Genkombinationen erschnüffeln, die gut zu uns passen.
 
Gerüche entfalten eine Macht, von der die meisten kaum etwas ahnen – denn die Duftstoffe sind es, die über Sympathie und erotische Anziehung entscheiden. Während wir unsere Augen schließen und Geräusche halbwegs ausblenden können, arbeitet die Nase weiter. Wir müssen schließlich atmen. Trotzdem: „In der westlichen Kultur wird die Nase sträflich vernachlässigt“, findet die norwegische Künstlerin und Duforscherin Sissel Tolaas. Es fange schon damit an, dass Kindern von ihren Eltern und der Werbung fragwürdige Geruchsnormen eingebläut würden, sagt sie: „Und zwar eine Unterscheidung zwischen Du und Gestank.“ Dabei wäre es ein Leichtes, alles zu nehmen, wie es kommt, keine voreiligen Urteile zu fällen, und so dem Geruchssinn mehr Raum zu geben.
 
 
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Autor:
Manu Schmickler