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Kinderkrankheiten Impfschutz auch für Erwachsene

Masern oder Keuchhusten mit 40 – das haut richtig rein. Aber was schützt Erwachsene vor Kinderkrankheiten? Genau wie die Kleinen eine Impfung. Vital beantwortet die wichtigsten Fragen.

Erwachsene impfen

Keuchhusten, Röteln, Masern, Mumps: Das kriegen doch nur Kinder, denken viele Erwachsene – und wiegen sich in falscher Sicherheit. Denn fast 80 Prozent aller deutschen Keuchhustenpatienten haben das Wahlalter von 18 Jahren längst erreicht, ein Drittel ist sogar älter als 45, warnt der Bundesverband der Pneumologen in Heidenheim. Die Kranken sind schwer angeschlagen. Wirklich bedrohlich wird’s bei Masern: Von 1000 erwachsenen Patienten entwickeln ein bis zwei eine lebensgefährliche Gehirnentzündung. Und weil das Immunsystem durch das Virus akut schwächelt, tritt bei jedem fünften bis zehnten Maserninfizierten obendrein eine schwere Mittelohr- oder Lungenentzündung auf. Experten wie Prof. Dr. Reinhard Berner, leitender Oberarzt der Abteilung Kinderund Jugendmedizin an der Freiburger Universitätsklinik, schlagen deshalb Alarm: „Nicht geimpfte Erwachsene sind genauso anfällig für Kinderkrankheiten wie Kinder, aber der Krankheitsverlauf kann mit zunehmendem Alter um ein Vielfaches schwerer und komplikationsträchtiger werden.“ Bei jungen Frauen z. B. kann Mumps zu Eierstockentzündungen führen. Und Röteln bergen bei ungeimpften Schwangeren das Risiko, Babys mit Fehlbildungen zur Welt zu bringen. Trotzdem sinkt die Impfrate kontinuierlich – und längst besiegt geglaubte Krankheiten wie die Kinderlähmung oder Diphtherie erleben ein trauriges Comeback. Hauptgrund für die Impfmüdigkeit: Viele Erwachsene haben schlichtweg Angst vor einer Impfung, davor, die Krankheit, vor der sie schützen soll, danach erst recht zu bekommen. Und sie befürchten Komplikationen und schlimme Folgekrankheiten. Zu Unrecht, wie zahlreiche seriöse, internationale Studien belegen. Die bescheinigen Impfungen viel Nutzen und nur geringe Nebenwirkungen. Alles, was Sie dazu wissen sollten, verraten Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Welche Impfungen brauche ich als Erwachsener?

Die 17 ehrenamtlichen Experten der Ständigen Impfkommission, kurz STIKO, am Robert- Koch-Institut in Berlin raten Erwachsenen, sich mindestens dreimal in ihrem Leben gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf) und Poliomyelitis (Kinderlähmung) impfen zu lassen. Sie empfehlen außerdem eine Impfung gegen Keuchhusten. Der Schutz gegen Diphtherie und Tetanus muss alle zehn Jahre aufgefrischt werden, gegen Polio und Keuchhusten sollte mindestens eine Auffrischungsimpfung drin sein. Weil sich immer mehr Erwachsene mit Kinderkrankheiten anstecken, sollten sie sich vorsichtshalber einmal auch gegen Masern, Mumps und Röteln impfen lassen. Im Rahmen der Grundimmunisierung raten die Experten mindestens dreimal im Leben zu einer Impfung gegen die gefährliche Leberentzündung Hepatitis B. Personen über 60 Jahren empfehlen sie, sich zusätzlich gegen Influenza (Grippe; jedes Jahr im Herbst) und Pneumokokken (Lungenentzündung; Immunschwache alle fünf Jahre) immunisieren zu lassen. Immer mehr jüngere Menschen infizieren sich mit Pneumokokken-Bakterien.

Wäre deshalb nicht eine frühere Impfung sinnvoll?

Ja, durchaus. Bislang raten Infektiologen zu einer Impfung ab dem 60. Lebensjahr, weil das Immunsystem älterer Menschen weniger schlagkräftig ist. Aber es mehren sich Stimmen, die bei bestimmten Vorerkrankungen einen früheren Zeitpunkt empfehlen. Das betrifft z. B. die fünf Millionen Deutsche über 40 Jahren, die unter der Chronisch Obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) leiden. „Weil Infektionen die Erkrankung schubartig verschlechtern, sollten sich diese Patienten vorsorglich gegen Pneumokokken und Grippe impfen lassen“, rät Prof. Tobias Welte, Direktor der Abteilung Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Ebenso wie Frauen und Männer, die bereits eine Lungenentzündung durchgemacht haben. Denn ihre Vorerkrankung schützt nur vor einem einzigen Errreger, die Impfung aber vor 23 verschiedenen. Schließlich verursachen Pneumokokken so schwere Infektionen wie Hirnhautentzündung und Blutvergiftung – ein Grund mehr, sich piksen zu lassen.

Brauche ich wirklich jeden Herbst wieder eine Grippeschutzimpfung?

Kommt darauf an. Grippeviren verändern sich rasant und tauchen in immer neuen, lebens gefährlichen Varianten auf. Deshalb müssen vor allem gefährdete Personen ihren Immunschutz jedes Jahr mit einem neu zusammen gesetzten Impfstoff auffrischen. Zu ihnen zählen in erster Linie ältere Menschen und chronisch Kranke wie Diabetiker und Asthmatiker sowie Herz- und Nierenkranke. Ein erhöhtes Risiko besteht auch für Schwangere und alle, die viel Kontakt zu Menschen haben, z. B. eine Busfahrerin oder Verkäuferin. Die Impfung ist für gesetzlich Versicherte kosten- und zuzahlungsfrei und baut in ca. zehn Tagen einen Schutz auf.

Warum müssen einige Impfungen aufgefrischt werden, andere nicht?

Eine überstandene Krankheit hinterlässt Spuren im Immungedächtnis. Das Abwehrsystem bildet Antikörper, um den Angreifer bei der nächsten Attacke möglichst schnell zu er wischen. Eine Impfung mit Lebendimpfstoffen, z. B. gegen Masern, Mumps oder Röteln, wirkt ähnlich wie eine Krankheit – allerdings stark abgeschwächt und ungefährlich. Sie muss deshalb nicht wiederholt werden. Im Gegensatz dazu haben Impfungen mit abgetöteten Erregern, z. B. gegen Grippe, Tetanus, Pneumokokken oder Tollwut, nicht eine so nachhaltige Wirkung auf das Immunsystem und sollten entsprechend den Impfempfehlungen der STIKO aufgefrischt werden.

Krank durch eine Impfung – gibt’s das?

Bestimmte Impfstoffe können zwar krankheitsähnliche Symptome hervorrufen – eine voll ausgeprägte Erkrankung entwickelt sich bei den modernen Impfstoffen aber praktisch nie. Trotzdem treten nach einer Impfung mitunter Fieber, Übelkeit oder Schläfrigkeit sowie Schwellungen und Rötungen an der Injektionsstelle auf. Dabei handelt es sich jedoch um allgemeine, meist schnell abklingende Reaktionen des Organismus. Mit der Infektionskrankheit, gegen die geimpft wurde, haben sie nichts zu tun.

Belasten Kombinationsimpfungen den Körper stärker als einzelne?

Nein. Die heutigen hochgereinigten Kombi-Seren enthalten nur einen Bruchteil der Fremdsubstanzen, die früher in Impfstoffen steckten. Der alte Keuchhusten- Impfstoff z. B. enthielt rund 3000 solcher Fremd stoffe (z. B. Formaldehyd und Phenol), alle heutigen Schutzimpfungen zusammen nur noch 150. Der Hamburger Facharzt für Kinderheilkunde Prof. Gerd-Michael Lackmann: „Moderne Mehrfachimpfstoffe sind gut verträglich, und Impfkomplikationen werden, wie wir auch anhand eigener Untersuchungen belegen konnten, kaum noch beobachtet.“

Kann ich mich auch impfen lassen, wenn ich erkältet bin?

Ja, sogar mit erhöhter Temperatur bis 38,5 Grad besteht kein Grund, die Impfung zu verschieben. Auch während einer Behandlung mit Antibiotika darf geimpft werden. Aber: Bei einer akuten Infektion mit höherem Fieber sollte man mindestens zwei Wochen warten.

Infos & Buchtipp

Infos zu Impfstoffen: Paul-Ehrlich-Institut, Paul-Ehrlich-Straße 51–59, 63225 Langen, Tel. 0 61 03/7 70, Internet: www.pei.de

Aktueller Impfkalender: Robert-Koch-Institut, Internet: www.rki.de

Buchtipp: „Impfen: Wissen, was stimmt“, von Friedrich Hofmann, Herder, 128 Seiten, 8,95 Euro

Und wenn ich meinen Impfpass nicht finde?

Damit das gar nicht erst passiert, sollte immer eine aktuelle Kopie in der Schublade liegen. Besser: den Impfpass einscannen und an sich selbst mailen. Das hat den Vorteil, dass Sie weltweit von jedem Internetanschluss aus darauf zurückgreifen können. Lässt sich Ihr Impfpass partout nicht finden, können Sie Ihren Impftiter im Blut prüfen lassen. Dieser Check weist Antikörper nach, die der Körper als Reaktion auf Impfstoffe bildet. Das ist allerdings nicht billig: Pro Einzelnachweis werden rund 18 bis 25 Euro verlangt. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt sich schlichtweg noch einmal durchimpfen.

Welche Reiseimpfungen brauche ich?

Grundimpfungen wie Tetanus und Diphtherie sollten nicht länger als zehn Jahre zurückliegen. Wer nach Afrika oder Indien fliegen will, muss unbedingt seine Polio-Impfung auffrischen. Viele asiatische Länder verlangen eine Impfung gegen Gelbfieber (28,50 Euro), die auch auf Kreuzfahrten in exotischen Gewässern empfohlen wird. Die Leberentzündung Hepatitis A ist in südlichen Ländern verbreitet, die Impfung kostet 63,20 Euro. Für Länder mit problematischen hygienischen Verhältnissen wird zu einer Impfung gegen Typhus (29,50 Euro) geraten. Einen genauen Überblick über die wichtigsten Vorsorgemaßnahmen bietet das Reisemedizinische Zentrum am Tropeninstitut Hamburg (www.gesundes-reisen.de) oder das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf (www.crm.de).

Wann zahlt die Krankenkasse?

Die Gesetzlichen übernehmen die Kosten für alle Schutzimpfungen, die von der STIKO empfohlen werden. Bestimmte Impfungen wie z. B. die gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die durch Zecken übertragen wird, bezahlen sie nur in Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen oder Rheinland- Pfalz. Die Kosten für Reiseimpfungen werden in der Regel nicht übernommen. In Ausnahmefällen kann ein ärztliches Attest helfen. Private Kassen zahlen mehr, sprechen Sie in jedem Fall vorher mit Ihrer Sachbearbeiterin. 

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