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Gesundheit Impfen - Die Masse macht's

Ob bei masern, Hepatitis oder Röteln. Beim Impfen gilt: Das große Wir schützt uns und einzelne Umgeimpfte in unserer Mitte. Ein Hoch auf die Kraft der Herdenimmunität!
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Schutzimpfungen sind wichtig! Röteln, Masern und Hepatitis. Wir alle haben Sie. Von klein auf begleitet uns ein Impfpass. Doch als Erwachsene nehmen wir ihn nur noch selten in die Hand. Entweder, weil wir nicht dran denken, ihn verlegt haben oder weil wir uns bei dem Gedanken ans Impfen irgendwie unwohl fühlen. Welcher Gesunde geht schon gern freiwillig zum Doktor? Aktuell ist nur jeder zweite Erwachsene in Deutschland ausreichend gegen Diphtherie geschützt, jeder dritte versäumt die Nachimpfung gegen Tetanus, und nur jeder zehnte ist gegen Keuchhusten gewappnet. Als Folge sinken- der Impfraten kehren Krankheiten wie Keuchhusten oder Masern zurück. Dabei ist Impfen sicher und für alle wichtig: Es gehört zu den wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen der Medizin. Indem wir uns piksen lassen, kann unser Körper lernen, Erreger abzuwehren.

Übung für den Körper

Impfen lässt sich mit einer Feuerübung in einem Bürohaus vergleichen: Alle Angestellten sammeln sich auf ein Signal hin und verlassen gemeinsam das Gebäude. Hinterher wissen sie, wie sie sich verhalten sollen, welcher rettende Weg am schnellsten hinaus führt – und sind dem Notfall gewachsen. Auch eine Impfung simuliert den Notfall: Sie enthält unschädlich gemachte Krank­heitserreger. Dennoch bildet unser Immun­ system Abwehrstoffe (Antikörper) dagegen sowie Gedächtniszellen, die sich die Eigen­schaften der Erreger merken. Kehren die in aktiver Form zurück, erkennt sie das Immun­system wieder und aktiviert das gelernte Programm: Viren oder Bakterien können sich nicht ausbreiten – wir sind immun. Bis unser Körper die Grundimmunisie­ rung gegen eine Krankheit aufgebaut hat, dauert es je nach Impfstoff mehr oder weni­ger lange. Gegen Diphtherie oder Tetanus etwa werden zum Impfen unschädlich ge­machte Bestandteile des Erregers verwendet, gegen Masern oder Windpocken hingegen abgeschwächte noch vermehrungsfähige. Bei Letzteren muss sich das Immunsystem mehr anstrengen. Da es sich intensiver mit den Eindringlingen beschäftigt, bleiben sie ihm meist unvergesslich. An die anderen, die es eher locker in Schach hält, müssen wir es während der Grundimmunisierung mit Teilimpfungen erneut und später regelmäßig mit Auffrischungen erinnern. Wann das geschehen sollte und welche Schutzimpfungen angeraten (und somit von den Krankenkassen bezahlt) werden, legt in Deutschland die Ständige Impfkommission (STIKO) fest. Das Gremium aus Ärzten, Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten wägt anhand neuster Daten Nutzen und Risiken ab. Auf dieser Basis gibt es jedes Jahr Empfehlungen ab (mehr unter www.impfen­info.de). In jüngster Zeit sind für Erwachsene zwei hinzugekommen: gegen Keuchhusten und Masern. „Heute betreffen über die Hälfte der Masernfälle Jugendliche und Erwachsene. Bei Keuchhusten liegt das Durchschnittsalter bei 42 Jahren“, mahnt Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKO.

Die Herde bietet Schutz

Beide Krankheiten laufen nicht immer glimpflich ab und können zu schwerwiegen­ den Komplikationen führen. Stecken Eltern oder Großeltern ein Baby mit einem der beiden Erreger an, kann das für den Säug­ling lebensbedrohlich werden. Auch deshalb raten Ärzte, sich impfen zu lassen: um andere vor den Erregern zu schützen. „Für manche Impfungen sind Babys noch zu jung, gegen Masern kann man sie zum Beispiel erst ab neun Monaten immunisieren lassen. Auch bei bestimmten Erkrankungen wie z.B. einer schweren Schwächung des Immunsystems, dürfen einige Impfungen nicht erfolgen“, sagt Dr. Jan Leidel. Diese Personen sind darauf angewiesen, dass der Herdenschutz um sie herum funktioniert. Das klappt, wenn so viele Menschen geimpft sind, dass Erreger sich nur noch schwer verbreiten und dadurch nicht zu den Ungeimpften vordringen können – die Masse schützt wie eine Herde einzelne Schwache in ihrer Mitte. Ist ein sehr hoher Prozentsatz der Bevölkerung immun – Experten sprechen z.B. bei Masern von 95 von 100 Menschen, die durchgeimpft sein müssen –, kann eine Krankheit sogar komplett verschwinden.

Nur Konsequenz hilft

Die oft tödlich verlaufenden Pocken etwa sind seit 35 Jahren nirgendwo mehr aufgetreten. Um dem hochansteckenden Virus zu Leibe zu rücken, hatte die Weltgesund- heitsorganisation erfolgreich weltweite Impfaktionen durchgeführt. Auch Polio kommt in Europa und Amerika nicht mehr vor. Kein Grund, sich zurückzulehnen und auf die Impfung zu verzichten: In Teilen Afrikas und Asiens tritt die Kinderlähmung weiter auf. Würde sie zu uns gelangen, wäre ein erneutes Ausbreiten möglich. So galten die USA lange als masernfrei – doch jetzt kehrt das Virus wegen der dort herrschenden Impfmüdigkeit zurück. In Deutschland kam es in den letzten Jahren ebenfalls immer wieder zu Masernausbrüchen. In Berlin infizierten sich vor Kurzem innerhalb weniger Monate mehr als 1000 Menschen.

Impfangst? Ist unnötig!

„Der Erfolg des Impfens ist heute sein größter Feind“, sagt Dr. Jan Leidel und meint: Weil Impfungen so zuverlässig wirken, haben viele Krankheiten ihren Schrecken verloren. Über sie wird nicht mehr berichtet, wir kennen persönlich keine Betroffenen – und denken selbst immer weniger ans Impfen. „Gleichzeitig nehmen die Sorgen vor Nebenwirkungen des Impfens zu. Wer gesund ist, möchte die natürlich nicht in Kauf nehmen“, sagt er. Doch die Ängste sind unbegründet. Nur äußerst selten kommt es zu schweren Komplikationen. Zwar schwillt die Einstichstelle oft an und wird rot. Doch diese normale Impfreaktion zeigt, dass sich der Körper mit dem Erreger auseinandersetzt und einen Schutz aufbaut. „Manch einer fühlt sich am nächsten Tag nicht fit, als wäre es am Abend davor zu spät geworden“, sagt Dr. Leidel. Eine Woche nach der Masern-Impfung kann zudem ein Ausschlag auftreten. Hartnäckig hält sich die Befürchtung, die Masern-Impfung könne Autismus auslösen. Das ist Unsinn. Die Studie, die diesen Zusammenhang hestellte, entpuppte sich als Fälschung. Der britische Arzt, der sie durchführte, verlor seine Berufserlaubnis.

Sofort-Schutz per Piks

Manche Impfungen wirken übrigens selbst dann noch, wenn man sich gerade mit einer bestimmten Krankheit angesteckt hat: Bei einer sogenannten passiven Impfung muss das Immunsystem selbst keine Antikörper gegen die Erreger bilden, sie werden per Spritze direkt verabreicht. Wer eine braucht, muss allerdings schnell reagieren. Wenn zum Beispiel bei der Arbeit im Garten Erde in eine Wunde geraten ist, besteht Tetanus-Gefahr. Dann sollte jeder Ungeimpfte sofort zum Arzt gehen. Bei Masern ist ein Schutz noch drei Tage, bei Keuchhusten sieben Tage nach dem Kontakt (der unbemerkt stattfinden kann) möglich. Der Sofort-Schutz hält aber nicht lange an, weil der Körper die verabreichten Abwehrstoffe langsam abbaut und keine Gedächtniszellen gebildet hat. Er lernt also nicht, sich später selbst zu wehren. Darum bietet das vorbeugende Impfen den zuverlässigsten Schutz.

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