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Historie eines Begriffs: „Wellness“

Wellness, Well-Being, Well-Nepp… Was wirklich hinter diesen Begriffen steckt, wollte VITAL- Autorin Christiane Bongertz wissen.

Ein Sonntagnachmittag im Jahr 2009. Draußen regnet’s. Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa. Ihre Hände umfassen eine duftende Tasse Tee. Ihr Freund kommt herein, zieht eine Augenbraue hoch und kommentiert schmunzelnd: „Du sitzt da ja wie in der Wellness-Werbung.“ Verlassen wir diese Szene für eine kleine Zeitreise.

Vor 20 Jahren hätte es sich eine Frau auf die gleiche Weise gemütlich machen können. Und doch wäre niemand auf die Idee gekommen, das mit dem Begriff „Wellness“ in Verbindung zu bringen. Man kann es sich kaum vorstellen: Damals war Wellness noch völlig unbekannt, obwohl die Wortschöpfung „Wellness“ unter Sportmedizinern in den USA bereits seit den 50ern kursierte. Der Sportarzt Kenneth H. Cooper (der übrigens
schon 1968 das Aerobic erfand – Ewigkeiten, bevor Jane Fonda öffentlich turnte) beschrieb Wellness schon damals als eine Art zu leben, die sich durch eine Kombination von „wellbeing“ – also Wohlfühlen –, Fitness und Happiness auszeichnet.

All das und noch viel mehr fand sich dann auch im Wellness-Boom der 90er und 2000er wieder. Nach den coolen 80ern mit protzigem Yuppietum und Hochleistungs-Fitness in neonbeleuchteten Muckibuden gab es eine diffuse Sehnsucht nach Erdung und sinnlichem Verwöhntwerden, die kein richtiges Ventil fand. Wer genau den alten Fachbegriff dann wieder ausgegraben hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber er schlug ein wie eine Bombe. Wellness wurde über Nacht zum Trend. Wo Wellness draufstand, war garantiert kein Stress drin. Stattdessen irgendwas aus dem Gemischtwarenladen der Wohlfühl-Traditionen, konsumfreundlich aufbereitet für den modernen Menschen in Spas, Fitnessstudios und Kosmetiksalons.

Er hat sichaus der Küche eine Flasche Mineralwasser geholt und zu seiner Freundin aufs Sofa gesetzt. „Ach“, sagt sie süffisant, „der Herr trinkt Wellness-Wasser mit Gingko-Extrakt! Aber mich belächeln! Und was ist mit dem Duschkopf im Badezimmer, den du vorgestern angebracht hast? Auf der Packung stand was von Sumatra-Rain-Wellness!“ Wie das so ist mit Erfolgsstorys: Die Trittbrettfahrer warten schon. Da ist plötzlich ein Begriff, noch dazu ein rechtlich ungeschützter, der allen ein gutes Gefühl gibt: der Heilige Gral eines jeden Marketing-Menschen!

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Autor:
Christiane Stella Bongertz