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Gesundheit Fastenwanderwoche auf Sylt

Was heißt hier verzichten – Fasten ist ein Gewinn auf jeder Ebene, sagt unsere Ressortleiterin Food Stefanie Nickel. Eine Fastenwanderwoche lang hat sie’s auf Sylt ausprobiert. Und Tagebuch geschrieben. 

Sylt Leuchtturm

Auf dem Weg - Die Reset-Taste
Nichts essen. Freiwillig! Warum eigentlich? Das geht mir durch den Kopf, während der Zug Sylt und damit dem „Fastenhotel Ahlers“ und meiner Fastenwanderwoche entgegenrollt. Reicht nicht ein normaler Urlaub? Nein! Davon bräuchte ich mindestens sechs Wochen. Ich fühle mich müde, schlapp und ausgepowert. Und ich will etwas verändern: Ich möchte wieder die Kraft und die Frische haben, mein Leben neu zu denken. Dazu muss ich es auf null stellen, sagt mir mein Gefühl. Die Reset-Taste drücken. Ein guter Plan, trotzdem knurrt mein Magen. Ich habe heute vorschriftsmäßig nur ein bisschen Obst und Gemüse gegessen.

Angekommen - Ein Getränk mit Folgen
Das Fastenhaus am Ende von Westerland mit den Strandkörben im Garten finde ich gemütlich, mein Zimmer unterm Dach kuschelig. Bei offenem Fenster höre ich das Meer rauschen. Die anderen 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, alle zwischen Mitte 30 und 60, scheinen nett zu sein. Fastenleiter Lars Rohde erklärt uns erst mal die Regeln fürs Fasten nach Buchinger: Kaffee, Alkohol, Zigaretten – verboten. Und Fasten heißt NICHTS essen, „auch kein Fischbrötchen!“ Der Mann spricht wohl aus Erfahrung. Er bietet uns Wasser im Überfluss an und im Speisesaal ein „Büfett“ mit mehr als 20 Bioteesorten. Morgens um Viertel nach acht startet draußen die Frühgymnastik. Die ist genauso wenig Pflicht wie die täglichen Wander- oder Radtouren oder Yoga. Aber: Wenn wir unseren Kreislauf in Schwung halten, werden wir uns wesentlich besser fühlen. Ich frage mich, ob ich das durchhalte. Immerhin: Das Bittersalz-Getränk mit einem Schuss Zitrone am Abend habe ich runterbekommen. Zur Darmentleerung. Denn wenn der Darm leer ist, ist auch das Hungergefühl weg.

1. Tag Leerer Bauch & erste Schritte
Wecker. Aufstehen. Fenster auf. Wieder hinlegen. Mir ist schwummerig. Zweiter Anlauf, dieses Mal langsamer. Ich stehe, und irgendwie fühle ich mich gar nicht so übel, obwohl ich über Nacht viel auf der Toilette saß. Dann Morgengymnastik – okay, fit ist nicht das Wort, das heute gut zu mir passt. Halb neun Frühstück: für jeden ein Glas Saft aus pürierten Früchten (Apfel, Möhre, Orange) – wenn man den löffelt, hat man lange etwas davon, sagt Lars Rohde. Dazu die tägliche Gutenmorgengeschichte. Lars Rohde liest „Das Glück kommt selten allein“ von Eckart von Hirschhausen. Was zum Nachdenken während der folgenden Wanderung. Vier Stunden geht’s von Westerland über Wenningstedt und Kampen nach Braderup und zurück, bewaffnet mit einer Thermoskanne. Mal am Strand entlang (schäumende Brandung), mal vorbei an Reetdachhäusern (schön friesisch), Fischbuden (lässig ignoriert) und vielen Toiletten (zum Glück). Das Laufen tut gut. Irgendwann stellt die ganze Gruppe fest: Selten haben wir uns so intensiv übers Essen unterhalten. Über Rezepte, Ernährung, Geschmack. Alle sind sich einig: Abnehmen ist bei niemandem oberstes Ziel. Zumal man sowieso wieder zunimmt, sobald man isst. Fast alle wollen sich ab sofort gesünder ernähren. Die Mittagspause gehört der Leber, sie bekommt für fleißige Arbeit im Dienst der Entgiftung eine Wärmflasche. Sie muss ja den Reinigungsprozess bewältigen. Der ganze Körper wird am Abend mit Gemüsesuppe belohnt. Wobei „Suppe“ heillos übertrieben ist: Glasklar erkenne ich den Tassengrund. Aber was für ein Genuss! Vor allem die darübergestreuten Kräuter. Ich nehme einen Nachschlag. Vor dem Schlafen folgt ein Einlauf mit warmem Wasser. Nein, das wird nie meine Lieblingsbeschäftigung. Trotzdem: Es lässt sich gut an, ich bin stolz auf mich – und hundemüde.

Frau mit Tee

2. Tag Gedankenspiele
Wieder wandern. Fürs Radfahren ist es mir eindeutig zu windig, und statt Yoga bin ich lieber draußen an der Nordseeluft. Die Sonne scheint, die Möwen kreischen am blauen Himmel. So viele Strandkilometer, so viele Dünen, so viel Natur – Sylt ist fürs Fastenwandern wie gemacht. Ich habe zwei Mitstreiterinnen gefunden: Gabi, Ende 40, aus der Medienbrache, und Angelika, um die 50, Leiterin eines Pflegedienstes. Die beiden lieben das Laufen ebenso wie ich. Deshalb wählen wir statt der angebotenen Rücktour mit dem Sammeltaxi den Fußmarsch. Keitum, Munkmarsch, Kampen, Westerland. Macht für heute 20 Kilometer, etwa 30 000 Schritte. Viel Zeit, um den Gedanken Raum zu geben. Wie konnte es dazu kommen, dass ich so fertig bin, was läuft schief in meinem Alltag? Was kann ich ändern? Manchmal bleibt das Denken auch auf der Strecke. Dann sehe ich nur das Meer, die auf den Wellen glitzernde Sonne und die Gegenwart. Glückliche Momente. Ist das das Geheimnis? Im Hier und Jetzt zu leben? Ich weiß es nicht, und gegen Ende der Wanderung ist mir alles egal. Ich bin platt. Das Einzige, was mich rettet, sind Anke und ihre Hot-Stone-Massage, die ich im Fastenhaus gebucht habe.

3. Tag Versuchungen
Langsam kehrt Routine ein. Ich gewöhne mich gern daran und beobachte meinen Körper: Beim Aufstehen ist mir weiter schwindelig, ich muss alles langsamer angehen und friere leichter. Die anderen erzählen dasselbe. Deshalb beschließen Gabi, Angelika und ich, während unserer Rast nicht auf der Terrasse der „Sturmhaube“ zu sitzen. Sondern drinnen in dem schönen runden Restaurant in Kampen, toll gelegen zwischen Dünen und Meer am roten Kliff. Die Einkehr ist eine Herausforderung: rechts von uns Fischhäppchen, links Waffeln mit roter Grütze (duften die gut!). Wir mittendrin mit Roibuschtee. Aber was für ein Sieg! Wir haben kein Verlangen und fühlen uns großartig. Darauf stoßen wir an – hoch die Teebecher!

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