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Psychologie Diagnose: Soziale Phobie

Bei einer sozialen Phobie ist der banalste Kontakt mit Menschen angstbesetzt. Doch es gibt Auswege – wie die Lebensgeschichte von Gudrun Klee beweist. Sie besiegte ihre Angst.

Soziale Phobie

„Du bist wie dein Vater“, hat ihre Mutter mal gesagt. Das war nicht böse gemeint. Eher aufmunternd. Heute weiß Gudrun Klee, dass ihre Mutter ebenso recht wie unrecht hatte. „Mein Vater litt unter ähnlichen Problemen wie ich. Das ist mir inzwischen klar“, erzählt die Berlinerin. Doch anvertraut hat sie sich ihm nie. Auch der Mutter nicht. „Wir hatten ein gutes Verhältnis“, stellt Gudrun Klee klar. Aber sie fand damals kein Wort für das, was sie quälte, und war überzeugt, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, dem es so ging.
„Ich habe mich wahnsinnig geschämt“, sagt die 49-Jährige rückblickend. „Ich konnte mit niemandem darüber sprechen.“ Eine beste Freundin hatte sie nie. Auch ihr späterer Mann Andreas und die Söhne Stephan (heute 25) und Christian (heute 20) erfuhren all die Jahre nichts. „Professor Ströhle war der Erste. Dieser Termin bei ihm hat mein Leben verändert“, sagt Gudrun Klee – nicht weil es in einer Zeitschrift gut klingt, sondern weil es so war.

Frauen treffen soziale Phobien etwa doppelt so häufig wie Männner
Knapp zehn Jahre liegt dieses erste Gespräch mit Prof. Andreas Ströhle zurück, der die Spezialambulanz für Angsterkrankungen an der Charité leitet. „Seitdem habe ich mich noch mal neu kennengelernt“, sagt Gudrun Klee glücklich. Sie hat sich verändert, obwohl die Spuren der Vergangenheit wohl nie ganz verschwinden werden. Fast 30 Jahre hat eine soziale Phobie Gudrun Klees Leben beherrscht. „Aber ich habe mehr erreicht, als ich erwartet habe“, erzählt sie stolz. „Stehe ich heute im Supermarkt an der Kasse, weiß ich, wie es sich früher anfühlte. Aber: Es ist nicht mehr da.“ Es. Die Angst. Sie ist weg. „Das ist ein tolles Gefühl.“
Etwa jeder sechste Deutsche, zeigen große Studien, entwickelt im Laufe seines Lebens eine soziale Phobie. Frauen trifft es etwa doppelt so häufig wie Männer. „Angespannt zu sein, bevor man z. B. ein Referat hält, ist genauso normal wie ein gewisses Misstrauen Fremden gegenüber“, sagt Prof. Ströhle, um zu beschreiben, wo die Grenze zur Krankheit verläuft. „Angst ist eine lebenswichtige Emotion. Symptome wie Händezittern, Erröten oder Schwitzen allein machen noch keine Krankheit.“ Entscheidend sei das Ausmaß. Menschen mit sozialer Phobie nehmen jeden „Auftritt“ vor anderen wie ein Tribunal wahr. Sie haben Angst, sich zu blamieren. Angst, negativ beurteilt zu werden. Angst, zu versagen. Angst vor der Angst.

Oberflächlich betrachtet führen viele Betroffene ein fast normales Leben
Fast ununterbrochen kreist ihr Denken darum, ob das, was sie tun, in den Augen ihrer Mitmenschen „richtig“ ist. Jedes gesprochene Wort legen sie auf die Goldwaage. Jede noch so kleine Körperregung deuten sie als Beweis ihrer vermeintlichen sozialen Tollpatschigkeit. Sie glauben, dass alle Augen stets auf sie gerichtet sind. Jede Handlung wird zum Versuch, Ansprüche des Umfeldes zu erfüllen, die sich nie 100-prozentig vorhersagen lassen. Häufig lässt die Angst nur noch einen Gedanken zu: raus!
Immer mehr soziale Situationen werden gemieden. Erfolgserlebnisse bleiben aus, die Selbstunsicherheit nimmt zu, die soziale Phobie wird stärker. Ein Teufelskreis. „Oberflächlich betrachtet führen viele Betroffene ein fast normales Leben“, sagt Prof. Andreas Ströhle. „Doch man muss sich fragen: Wie wäre es ohne die Angst verlaufen? Sozialphobiker bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sie können ihre Potenziale nie ausschöpfen.“ Partnerwahl, Freunde, Ausbildung, Beruf – die Angst entscheidet, obwohl die Betroffenen wissen, dass sie übertrieben ist. Schleichend verlieren sie die Kontrolle.
Wann fing das an? Gudrun Klee spult ihr Leben zurück. Sie wächst als Einzelkind in der DDR auf. „Als ich in die Schule kam, hatte ich schnell das Gefühl, da nicht hinzupassen“, erzählt sie. Ihre Mitschüler schließen Freundschaften. Sie nicht. „Ich wusste einfach nicht, wie das geht. Ich war ein Fremdkörper.“ Sie wird nicht gemobbt. Sie wird ignoriert. „Ich war nur interessant, wenn man bei einer Klassenarbeit von mir abschreiben konnte.“ Denn ihre Noten sind gut. „Aber die Eins in Mathe hat mir auch nichts genutzt“, sagt Gudrun Klee und streicht einige Haare aus der Stirn. Sie findet sich zu groß, zu dick. Jede Sportstunde wird zum Spießrutenlauf. Vorlesen ist der blanke Horror. Einen totalen Black-out beim Wettrechnen vergisst sie nie. Als sie sich Jahre später dazu zwingt, zum Elternabend in die Schule ihrer Söhne zu gehen, sind alle Erinnerungen schlagartig wieder da. Gudrun Klee hält es kaum aus.
Einmal schreibt sie für ihren Sohn eine Englischarbeit. „Er bekam eine Eins und fragte mich: Wieso hast du kein Abitur gemacht, Mama?“ Die Antwort bleibt sie ihm lange schuldig. „Dafür hätte ich die Schule wechseln müssen und wäre in der DDR automatisch über ein Studium auf die Leitungsebene gekommen“, weiß Gudrun Klee heute. „Das war für mich der pure Graus.“ Sie macht stattdessen eine Gärtnerlehre. „Pflanzen erwarten ja nicht viel von einem.“ Inzwischen lacht sie darüber.

Die Nachbarin, die Verkäuferin, sogar bei den Schwiegereltern verkrampft sie innerlich
Nur ein Mal ist ein anderes Gefühl stärker als ihre Angst: die Liebe. Mit Ende 20 lernt sie Andreas kennen. Gudrun Klee macht mit ihrer Mutter Urlaub an der Ostsee. Andere junge Hotelgäste nehmen sie mit in die Disco. Sie kommt mit Andreas, einem Soldaten, ins Gespräch. Sie tanzen zusammen und verabreden sich sogar für den übernächsten Abend. Wie schafft sie das? „Der Wunsch war ja die ganze Zeit da“, sagt Gudrun Klee. „Ich wollte einen Mann, Kinder – das klassische Leben.“ Doch Andreas kommt nicht. Der Urlaub ist vorbei, sie muss wieder arbeiten – und auf einmal wartet Andreas mit einer Rose in der Lederjacke vor der Gärtnerei auf sie. „Da hatte er natürlich einen Punkt gemacht“, erinnert sich Gudrun Klee.
Zehn Jahre bleiben sie verheiratet. Zehn Jahre lang ahnt Andreas nichts von der Angst seiner Frau. „Andreas war der Gegenpol zu mir. Hinter ihm konnte ich mich verstecken“, so beschreibt Gudrun Klee das unbewusste Zusammenspiel. „Zu Hause fühlte ich mich sicher. Sowie ich die Haustür öffnete, sprang das Programm wieder an.“

Adressen & Informationen

Betroffene für Betroffene: Selbsthilfeverband für Soziale Phobie, Pyrmonter Str. 21, 37671 Höxter, www.vssps.de

Spezialambulanz für Angsterkrankungen: Charité – Universitätsmedizin Berlin, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Tel. 0 30/4 50 51 72 17 oder 4 50 51 72 44, www.angstambulanz-charite.de

Forschungsverbund soziale Phobie: www.sopho-net.de, Selbsttest, aktuelle Infos, Therapie

Die Nachbarin im Treppenhaus, die Verkäuferin im Supermarkt, Passanten, die nach dem Weg fragen, die Schwiegereltern – „ich hatte ständig das Gefühl, vor einer Prüfung zu stehen“. U- und S-Bahn kann sie nur fahren, wenn sie ein Buch dabeihat, das sie ablenkt. Immer steigt sie in den leersten Waggon. Freunde haben sie und Andreas praktisch nicht. Spricht doch jemand eine Einladung aus, erfindet Gudrun Klee immer neue Ausreden, um abzusagen.