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Die Mitnehm-Manie Das "to go"-Prinzip

Konsum für Zwischendurch: Die Mitnehm-Manie macht das Leben immer schneller. VITAL-Kolumnistin Verena Carl träumt von einer Zeit, in der es auf Café-Terrassen nur Kännchen gab.

Es ist noch gar nicht so lange her, da kehrte mein alter  Freund Jürgen von einer New-York-Reise mit  drei neuen Jeans und einer frischen Lebenskrise  nach Hause. „Ich habe sechzehn Semester Anglistik studiert.  Ich arbeite seit vier Jahren als Englischlehrer. Aber  ich habe einfach nie verstanden, was die Barfrauen im  Coffeeshop von mir wollten“, beklagte er sich. Erst beim  letzten Milchmix-Heißgetränk am Flughafen hatte er endlich  die Routinefrage entschlüsselt: „To stay or to go?“ 

Nur ein paar Jahre später hat die Mitnehm-Manie  mit solcher Wucht auch das alte Europa erobert, dass  selbst der sprachunbegabteste Fünftklässler sein Trinktütchen  „to go“ ordert. Ob Latte macchiato, frisch gepressten  Saft oder Bagel, alles und jedes gibt’s mit passendem  Transportmittel. Und grundsätzlich „bigger than life“, pardon:  überlebensgroß. Oder haben Sie eine Erklärung dafür,  dass der kleinste Mitnahmekaffee überall „tall“ heißt?  „Grande“ ist mittel, „Venti“ ist ein Eimer. Solche Größenangaben  kennt man sonst nur von Kondomen. Die kauft  auch keiner freiwillig in „S“. 

Aber der Siegeszug des Snacks auf Beinen ist mehr  als ein Gastro-Trend aus den USA. Und auch mehr als  eine Fußgängerzonen-Rallye zum Thema „Wo ist der  nächste Coffee-Shop meiner Lieblingskette?“. Er ist vor allem  ein Symbol für unsere gehetzte Gesellschaft. Die  Pappdeckel-Schnabeltasse signalisiert: sich bloß keine Zeit  für irgendetwas nehmen, bloß nirgends eine Pause machen.  Am Ende müsste man gar noch nachdenken. 

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Autor:
Verena Carl