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ADHS Ständig in Bewegung

Es ist nicht bloß eine Kinderkrankheit: Drei von hundert Erwachsenen leiden darunter, ein „Zappelphilipp“ zu sein. Deutsche Forscher testen jetzt neue Therapien gegen ADHS. VITAL begleitete eine Betroffene.
Auf dem Stuhl zappeln

Nihal Acikdüsün sitzt in der Küche. Sie ist noch ein Kind. Ihre Mutter hat Reis auf den Tisch geschüttet. Unzählige kleine Körner. Damals, in den 1970er-Jahren, noch durchsetzt mit ungenießbaren Schmutzpartikeln. Nihal soll sie aussortieren wie Aschenputtel.
Als die heute 38-Jährige davon erzählt, sitzt sie wieder an einem Küchentisch. Er steht im Fachbereich Psychologie an der Universität Tübingen. Mitarbeiter und Studierende kommen hier zusammen, kochen sich Tee oder Kaffee und tauschen sich aus. Durch große Fenster geht der Blick in den Innenhof.

Ein langer Weg zur Diagnose

„So wollte meine Mutter mich ruhiger machen“, sagt Nihal Acikdüsün. Das Reis-Ritual war keine Strafe, sondern der laienhafte Therapieversuch einer ratlosen Mutter. „Eine kleine türkische Frau mit Kopftuch“, erzählt Nihal Acikdüsün liebevoll. „Meine arme Mutter. Neulich sagte sie zu mir: ‚Nihal, wenn es diese Diagnose gegeben hätte, als du klein warst, wärst du die ADHS- Königin gewesen.‘“
Aber es gab sie nicht. In den 70ern war die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung in Deutschland unbekannt. Erst recht in Gammertingen auf der Schwäbischen Alb, wo die kleine Nihal aufwuchs. Erst im September 2012 hat die gelernte Friseurin erfahren, dass sie ein „ADSler“ ist.

ADHS - auch bei Erwachsenen

Das betrifft hierzulande insgesamt etwa drei von hundert Erwachsenen. „Für mich war die Diagnose eine Erleichterung“, sagt Nihal Acikdüsün. „Auf einmal hatte ich die Antwort auf ganz, ganz viele unbeantwortete Fragen.
Endlich hatte das Ganze einen Namen.“ Jahrelang spürt sie, dass sie „anders“ ist als andere, fühlt sich angetrieben von einer inneren Unruhe, die sie nicht kontrollieren kann. Zum Arzt oder zu einem Psychologen geht sie aber nicht: „Ich hatte lange Angst vor einer negativen Diagnose. Ich wollte nicht in irgendeine Schublade gesteckt werden.“

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Autor:
Stephan Hillig