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Krebs Wandern als Therapie

Zahlreiche Studien belegen, wie machtvoll Sport bei Krebs die Heilung unterstützen kann. VITAL wanderte mit Betroffenen über den Rheinsteig – vier außergewöhnliche Tage.

Wandern als Therapie

Einige Kollegen kommentierten Dr. Olav Heringers Pläne so: „Als Arzt kann man sich auch aktiv in den Knast bringen.“ Andere fanden die riskant anmutende Idee „ziemlich mutig“. Und es ist mutig, mit 13 Krebspatienten auf dem Rheinsteig-Wanderweg zwischen Wiesbaden und Rüdesheim 54 Kilometer zurückzulegen. Heringer, seit 2011 niedergelassener Onkologe in Wiesbaden, wirkt zufrieden. Über endlose Weinberge blickt er hinunter zum Rhein. In der Nähe steht das Niederwalddenkmal. Zu weit bei der Hitze.
„Der Arzt ist immer im Hinterkopf“, sagt Heringer. „Aber ich versuche, es nicht so spürbar werden zu lassen.“ In seinem Rucksack trägt er Schmerzmittel, einen Beatmungsbeutel, auch einen Bruch hätte er unterwegs schienen können. War nicht nötig. Alle haben die Tour ohne Komplikationen bewältigt. „Und der Rheinsteig ist überall mit einem Auto erreichbar“, sagt Heringer. Mut ist etwas anderes als Leichtsinn.

Für Betroffene heisst es Umdenken

Nach aktuellen Schätzungen des Robert-Koch-Instituts in Berlin erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 470 000 Frauen und Männer neu an Krebs. Neun von zehn Deutschen kennen einen Betroffenen. Allein das Wort Krebs löst beklemmende Assoziationen aus. „Sport passt da nicht rein“, sagt Heringer, während über uns der Verkehr der A643 über die Schiersteiner Brücke rauscht.
„Bei vielen Patienten muss ich erst Überzeugungsarbeit leisten.“ Seit 2006 hält er auch Vorträge vor Ärzten. „Unter älteren Kollegen herrscht noch immer die Meinung vor: Tumorpatienten gehören aufs Sofa.“ Dabei belegen immer mehr Studien genau das Gegenteil. Zahlen, Tabellen – hier, kurz vor Walluf, verwandeln sie sich in echte Menschen.

Wanderpause

Der erste Tag unter Gleichgesinnten

Drei Tage zuvor, an einem zunächst bewölkten Donnerstagmorgen, war die Gruppe am Schloss Biebrich in Wiesbaden zur ersten Etappe aufgebrochen. Bis nach Schlangenbad sollte es gehen. Niemand ahnte, dass eines der wärmsten Wochenenden des Jahres bevorstand. Inzwischen hat jeder in der Gruppe einen Gesprächspartner und sein Tempo gefunden. Einige kennen sich, andere lernen sich kennen. Es wird gelacht, Vorfreude liegt in der Luft. Und der Krebs? Ist kein Thema. Eben weil alle das gleiche Schicksal teilen. Stillschweigendes Verständnis.
„Gott sei Dank“, sagt Dorothee Birke, „ich mag doch nicht nur darüber reden.“ Kurz nach dem Start löste sich bei der früheren Verwaltungsangestellten eine Sohle. Sie hatte ihre Wanderschuhe kaum getragen, seit 2008 bei ihr ein Hirntumor festgestellt worden war. Die Panne war ihr unangenehm. Aber ein Mitwanderer half und glättete die Sohle notdürftig mit seinem Taschenmesser. Für Dorothee Birke wurde ein Taxi bestellt, damit sie aus dem Hotel ihre Ersatzschuhe holen konnte. Keine große Sache. Jeder darf hier so sein, wie er ist.

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