[Alt-Text]

Wirkstoffe der See Medizin aus dem Meer

Erste Medikamente aus den blauen Tiefen gibt es bereits. Die Hoffnung ist groß, noch viele neue Wirkstoffe zu finden, die heilen können.

Der Ozean ist eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, neue Heilmittel zu entdecken. Etwa 500 Millionen Organismen leben im Meer, bekannt sind davon bisher nur rund 5 Prozent. Zu Lande sind das viel weniger. Zumal die Pflanzenwelt, was Naturstoffe für die Medizin betrifft, schon ziemlich abgegrast ist. Pharmakologen geraten deshalb neuerdings in einen marinen Sammelrausch. So kommen allein bei der spanischen Firma PharmaMar, führend auf dem Gebiet in Europa, Tausende mariner Wirkstoffe in die nähere Auswahl für Medikamente, über 200 davon haben sie bereits patentieren lassen. In die Apotheken schaffen es davon etwa zwei bis drei Wirkstoffe, von der Entdeckung bis zur Marktreife stehen Jahrzehnte. Doch schon jetzt zeigt sich, dass Arzneien gegen Krebs, chronische Leiden oder lebensbedrohliche Infektionen zu finden sind.

Miesmuschel-Kleber kann Wunden verschließen

Das Wasser rauscht über sie hinweg, die graue Unscheinbare ist den Gezeiten gnadenlos ausgesetzt und darf vor allem eins nicht verlieren: ihren Halt. Mit ihren zähen Byssusfäden klebt sie an den Steinen fest. Ihre enorme Haftfähigkeit machte sie zum Forschungsobjekt von Prof. Dr. Ulrike Lindequist, Pharmakologin an der Universität Greifswald. Denn ein Naturstoff, den man möglicherweise als Superkleber bei Operationen verwenden könnte, würde ein Problem in der Chirurgie lösen: Immer noch müssen große Schnitte geklammert oder genäht werden. Ein stärkerer, natürlicher Kleber würde der Wundheilung nutzen. „Ein gutes Beispiel für die Möglichkeiten der Medizin aus Meer“, so Prof. Lindequist. Obwohl der Kleber sich noch bewähren muss und voraussichtlich erst in ein paar Jahren eingesetzt werden kann.

Schwämme als Waffe gegen Krebs

Auch der Naturschwamm im Bad war einmal ein Lebewesen. Doch um ihn geht es hier nicht. Biologen kennen rund 9000 Arten, es gibt vermutlich noch 50 000 weitere. Das Besondere an ihnen: Sie leben am Meeresboden und ernähren sich, indem sie Plankton filtern. Und sie verfügen über ein Arsenal an chemischen Verteidungswaffen, denn sie können nicht fliehen. Diese bioaktiven Substanzen sind hochinteressant beim Kampf gegen verschiedene Arten von Krebs. Das Team um Prof. Werner Müller von der Universität Mainz fand beim Ircinia-Schwamm den Wirkstoff Sorbicillacton. Im Labor gelang es, damit Leukämiezellen abzutöten. Viele Schwämme bieten anderen Organismen Unterschlupf in ihrem Innern. Dort übernehmen Bakterien und Pilze die Arbeit der Abwehr. Angepasst an ihre jeweilige Umgebung, verfügen sie über ein perfektes Immunsystem und viele mögliche Mittel gegen Infektionskrankheiten und Entzündungen. Zehntausende dieser Substanzen hat man bisher identifiziert – ein gewaltiger Genpool, der mit unserem erstaunlich identisch ist, ideal als Versuchsanstalt für unser Immunsystem. Um dies möglich zu machen, hat sich die TU Darmstadt mit der Verwertungsgesellschaft Biotecmarin zusammengetan und züchtet vor der Küste Kroatiens Schwämme.

1 2 3