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Medikamente Antibiotika aus der Natur

Rund 3000 Tonnen Antibiotika schlucken die Deutschen pro Jahr. Doch häufig helfen die künstlichen Bakterienkiller nicht. Ein Experte erklärt, woran das liegt und warum pflanzliche Antibiotika besser wirken.

Kapuzinerkresse

Ohne Antibiotika geht es nicht, auch wenn immer mehr Keime immun gegen sie werden“, sagt Prof. em. Franz Daschner, Infektiologe aus Freiburg. Schuld an Letzterem sind die Pharmaindustrie, die Ärzte und Patienten und die Geflügelzüchter. Wie das alles zusammenhängt, erklärt der Vorsitzende der „viamedica – Stiftung für eine gesunde Medizin“ im folgenden Interview. Und er nennt hochwirksame Wunderwaffen aus der Natur, die eine Bronchitis oder Blasenentzündung oft besser bekämpfen als Antibiotika aus der Retorte.

Vital: Wie gefährlich sind Antibiotika-Resistenzen?
Prof. Daschner: Sie gehören weltweit zu den größten infektiologischen Problemen. Jedes Jahr sterben Hunderttausende an Infekten, die durch antibiotikaresistente Keime verursacht werden. Seit der Medizin Antibiotika zur Verfügung stehen, hat die Zahl der Bakterien, gegen die sie nichts mehr ausrichten können, stetig zugenommen. Dieses Dilemma wird sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren noch verschärfen, weil die Pharmaindustrie inzwischen immer weniger neue Antibiotika auf den Markt bringt.

Warum ist das so?
Fakt ist, dass zwischen 1960 und 1990 rund 40 neue Wirkstoffe auf den Markt kamen – aber seit 2000 nur noch eine Handvoll. Der Grund: Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums ist äußerst teuer. Sie kostet circa eine halbe bis eine Milliarde Euro. Da sagen sich die Hersteller natürlich: „Wenn sich so oft Resistenzen bilden, wird auch unser neues Mittel schnell unwirksam. Da rechnet sich der Aufwand nicht.“ Also müssen die alten, nicht mehr so wirksamen Präparate häufiger verwendet werden. Auch das fördert Resistenzen.

Verschärfen Ärzte dieses Problem?
Ja. In Deutschland sind es hauptsächlich Kinder- und Hausärzte, die Antibiotika falsch oder zu häufig einsetzen. Bei den Kinderärzten liegt es vor allem an ihren Patienten. Je jünger das Kind, desto häufiger hat es eine Infektion. Und viele Eltern sind überängstlich und beharren auf einem Antibiotikum-Rezept. So kommt es, dass z. B. bei einer einfachen Mittelohrentzündung entgegen den heutigen Therapie-Leitlinien ein Breitspektrum-Antibiotikum verordnet wird. Bei Hausärzten spielt zusätzlich die Überlastung eine Rolle. Wenn sie an einem Vormittag 40 Patienten und mehr „durchschleusen“ müssen, bleibt für den Einzelnen, oft auch für die Diagnostik, zu wenig Zeit. Dann geht der Griff zum Antibiotikum-Rezept schon mal schneller von der Hand.

Ärzte setzen Antibiotika falsch ein – was meinen Sie genau?
Überdurchschnittlich oft verordnen sie Antibiotika bei Infekten der oberen Atemwege. Sie übersehen dabei, dass 90 Prozent dieser Infektionen – von der Erkältung bis zur Stirnhöhlenentzündung – von Viren ausgelöst werden. Antibiotika bekämpfen aber nur Bakterien. Wenn der Arzt diese Unterscheidung nicht macht, wundert es einen auch nicht, dass der Patient als medizinischer Laie denkt, „Antibiotika helfen gegen alles, was eine Infektion auslöst“, und die Arzneimittel sehr oft verlangt.

Aber heutzutage können doch Schnelltests bei der Differenzierung helfen.
Ja, der PCT-Test z. B. gibt eine gewisse Sicherheit, dass es sich um eine bakterielle Infektion handelt. Die Messung von C-reaktivem Protein, einem „Entzündungseiweiß“, ergibt ebenfalls Sinn. Sein Wert ist bei einer Infektion erhöht, vor allem bei einer bakteriellen. Hundertprozentig sicher ist das Messergebnis zwar auch bei diesem Check nicht, es liefert aber einen ersten Hinweis. Dann ist da noch der Streptokokken-Test, bei dem ein Abstrich im Rachen gemacht wird. Mit dessen Hilfe kann der Arzt feststellen, ob es sich um A-Streptokokken handelt, die häufigsten Auslöser einer bakteriellen Angina. Aber es fehlen immer noch Schnelltests mit absoluter diagnostischer Aussagefähigkeit.

Ist der Patient schuld, wenn Antibiotika nicht richtig wirken?
In vielen Fällen ja. Deshalb rate ich allen dringend: Lassen Sie sich nicht vom Beipackzettel verunsichern. Die aufgeführten Nebenwirkungen müssen laut gesetzlicher Vorgaben aufgelistet werden, kommen aber in der Regel seltener vor als befürchtet. Nehmen Sie das Antibiotikum exakt so ein, wie der Arzt es Ihnen verordnet hat. Auch dann, wenn es Ihnen besser geht. Dann sind zwar die Symptome weg, aber die Bakterien noch nicht. Penicilline z. B. müssen Sie bei einer Angina zehn Tage einnehmen, Cephalosporine fünf Tage. Heben Sie das Antibiotikum nicht auf, um es beim nächsten Infekt in Eigenregie zu schlucken. Antibiotika bitte nie ohne ärztliche Empfehlung nehmen.

Setzen bestimmte Lebensmittel die Wirkung herab?
Ja, z. B. können Orangensaft, Milchprodukte oder Müsli die Wirkung von Antibiotika abschwächen. Und mit bestimmten z. B. gegen Bluthochdruck oder Herzerkrankungen, kann es zu Wechselwirkungen kommen. Patienten sollten auch unbedingt die Zeitabstände zwischen den Antibiotika-Einnahmen einhalten. Mein Rat für Arzt und Patient: Bei leichten und mittelschweren Infektionen der Atemwege sollten vor allem Phytopharmaka mit einer dafür belegten Wirksamkeit eingesetzt werden.