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Ernährung Eingeschränkte Vielfalt durch Bio-Piraterie

Wir genießen die große Auswahl und freuen uns über niedrige Preise. Was dabei keiner ahnt: Das Saatgut für unsere Lebensmittel wird nur von wenigen Konzernen kontrolliert. Landwirte können nicht mehr frei wählen, welche Sorten sie anbauen wollen.

Saatgut

Der Applaus im Saal A der Universität Hamburg will nicht enden. Gastredner Percy Schmeiser, Landwirt aus Kanada, verneigt sich sichtlich ergriffen. Der 78-jährige Saatgutzüchter betreibt seit 60 Jahren Landwirtschaft und kämpft für den Erhalt gentechnikfreier Saatenvielfalt, auch wenn er auf seine bescheidene Art nicht so aussieht. In einem jahrelangen Prozess stellte er sich erfolgreich gegen den amerikanischen Saatgutkonzern Monsanto: Sein Raps war durch Pollenflug mit Gensaat verunreinigt worden, und er sollte dafür eine Strafe an den Konzern zahlen, weil dieser Inhaber des Genpatents ist. Mit Nachdruck macht er auf einen negativen Trend aufmerksam: Weltweit beherrschen immer weniger Konzerne mit ihren Patenten die Saatgutproduktion, in dem die Landwirte mehr und mehr von Hybridsaaten abhängig werden. Diese sogenannten „Einweg“-Pflanzen sind nicht für eine Wiederaussaat geeignet. So kann ein Bauer nicht mehr wie früher aus eigenen Pflanzen Samen zur Aussaat gewinnen. Er muss das neue Saatgut bei einem der Konzerne kaufen.

Schlüssel zu robusten, widerstandsfähigen Pflanzen

Eine Entwicklung, die Thomas Sannmann, Demeter-Landwirt in den Vier- und Marschlanden bei Hamburg, ebenso wenig hinnehmen will wie den schleichenden Einzug der Gentechnik. Für den engagierten Inhaber eines großen Gemüseanbaubetriebes ist Artenvielfalt und Züchtung der Schlüssel zu robusten Pflanzen. Er unterstützt, was in der traditionellen Landwirtschaft eigentlich seit Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war: das Anbauen von samenfesten Sorten, mit denen man neues Saatgut gewinnen kann. „Nur so ist es auf Dauer möglich, Pflanzen zu erhalten, die widerstandsfähig gegen Schädlinge und Krankheiten sind und auch ohne den Einsatz von Chemie stabile Erträge bringen“, erklärt Thomas Sannmann. Ihm ist sehr daran gelegen, dem Verbraucher mithilfe alter Gemüsesorten die Geschmacksvielfalt wieder näherzubringen. Seine Tomate „Vierländer Platte“ wurde schon im 18. Jahrhundert angebaut. Seine Kunden lieben ihren typisch süßsäuerlichen Tomatengeschmack und die leicht platte Form. Dass es viele Sorten inzwischen nicht mehr gibt, bedauert auch Eckart Brandt. Der 59-jährige Bio-Obstbauer aus dem Alten Land bei Stade kultiviert deshalb in seinem „Boomgarden“ längst vergessene Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschsorten. So ist sein Baumgarten eine natürliche Genbank für Hunderte von Obstsorten. Eckart Brandt hat den Obstanbau auch immer als ein Politikum gesehen: „Es wird mit viel Chemie gewirtschaftet. Statt der robusten Sorten gibt es chemiegepäppelte Standardfrüchte, die nur hohe Gewinne bringen sollen.“ Er ist der festen Überzeugung, dass es den Einsatz vieler Spritzmittel niemals gegeben hätte, wenn mehr robuste Sorten angebaut worden wären. „Die Natur hat uns enorm viel genetisches Material gegeben. Das sollten wir auch nutzen“, fordert Eckart Brandt.

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Autor:
Imme Bohn