[Alt-Text]

Bio-Anbau Kakao-Ernte in Brasilien

Bio-Schokolade gibt’s heute schon in jedem Supermarkt. Aber wo wird Bio-Kakao eigentlich angebaut? Vital-Redakteurin Imme Bohn reiste zur Ernte nach Brasilien.

Kakaobohnen

Der Himmel ist strahlend blau. Nur ein paar Wolken ziehen vorbei. Eine schiebt sich vor die Sonne, erweckt für einen Moment den Anschein, es würde gleich regnen. Dann könnte die achtjährige Iziane ihre kleine rote Gießkanne wegstellen. So beginnt sie vorsichtig das Wasser über die grünen Möhrenpflanzen laufen zu lassen. Das Mädchen ist eines von 63 Kindern, das am „Permakultur-Projekt“ („Projeto Permacultura na Escola“) teilnimmt. Der weltweit größte Schokoladenproduzent Barry Callebaut – zu ihm gehören z.B. die Marken „Suchard“ und „Stollwerck“ – hat es an drei Schulen in Brasilien ins Leben gerufen.

Imme Bohn

VITAL-Redakteurin Imme Bohn staunte nicht schlecht über die vielen Farben der Kakaofrüchte

An fünf Vormittagen lernt Iziane auf der Maia-Farm bei Ilhéus nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie weiß auch, wie man Möhren anbaut, wie sie schmecken und wie ihre Schalen sinnvoll kompostiert werden können. Das fröhliche Kind erfährt damit ganz spielerisch den umweltbewussten Umgang mit der Natur. Und der ist in seiner Umgebung auch besonders wichtig für den Anbau von Bio-Kakao.

Kakaofrüchte in Bio-Qualität

Nur wenige Autominuten von der Schule entfernt beginnt der Regenwald. Hier im Halbschatten hoher Bäume wachsen hunderte von Bio-Kakaopflanzen. Der Jeep quält sich die engen hügeligen Wege rauf und hinab. Leuchtend rot, gelb und orange hängen die an Papayas erinnernden Kakaofrüchte von den Stämmen herab. Die Luft ist heiß und feucht. Ives Maia, der 40-jährige Inhaber der Maia-Farm, ist einer der Lieferanten für den Grundstoff von Bio-Schokolade.

Er deutet auf einen Arbeiter, der auf dem Rücken einen großen Korb trägt. Mit der scharfen Machete schlägt dieser eine Frucht vom Baum, legt sie in die flache Hand und öffnet sie mit einem weiteren Schlag.

Kakaofrucht

Kakaofrüchte wachsen direkt am Stamm. Nach zwei bis vier Jahren trägt ein Baum zum ersten Mal.

Umhüllt von gallertartigem Fruchtfleisch, der Pulpe, kommen die Bohnen zum Vorschein. Für eine gesunde Welt Maia hat sich 2001 entschlossen, Kakao auf biologischer Basis anzubauen. „Es war zum Einen der höhere Preis, der mich gereizt hat“, erklärt der kräftige Mann mit dem grauen Stoppelhaarschnitt und den stahlblauen Augen. Bio-Kakao wird in Brasilien mit 500 Dollar pro Tonne über dem Weltmarktpreis gehandelt. Aber als Vater von zwei sechs und elf Jahre alten Töchtern ist ihm noch etwas anderes wichtig: „Unsere Kinder brauchen einen sauberen Boden, saubere Luft, eine intakte Umwelt – kurz: eine gesunde Zukunft.“

Vor diesem Hintergrund engagiert sich auch Dieter Schriefer. Er ist General Manager bei Callebaut in Brasilien und zuständig für den Bio-Anbau. Seit mehr als 40 Jahren lebt der gebürtige Bremer hier. Er kennt noch die Zeit, in der versucht wurde, Kakao in Monokulturen – ohne den Schutz anderer Pflanzen – anzubauen. Nachdenklich erzählt er vom Ausbruch des „Hexenbesens“: „Der Pilz reduzierte Ende der achtziger Jahre den Ertrag von 400 000 Tonnen auf nur noch 100 000 Tonnen.“ Viele Farmer verloren damals ihre Existenz.

Kinder Schule

In der Schule lernen Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren was "Nachhaltigkeit" ist.

 

Per Hand gegen Schädlinge

Heute tritt der agressive Pilz nur noch sporadisch auf. „Die Pflanzen im biologischen Anbau sind sehr viel kräftiger und widerstandsfähiger“, erklärt Farmer Maia. Sie werden zwei- bis dreimal im Jahr mit Mineralien gedüngt. In regelmäßigen Abständen besprühen die Farmer die Blätter mit einer organischen Lösung aus Wasser, Hefepilzen und Mineralien. Ansonsten ist es penible Handarbeit, die die Früchte so gut wachsen lässt: Umstehende Pflanzen sind ein natürlicher Schutz und werden regelmäßig beschnitten, damit ausreichend, aber nicht zu viel Sonne den Kakao erreicht. Vom „Hexenbesen“ befallene Früchte werden sofort vom Baum geschlagen und entsorgt.

Sechs Tage und sechs Nächte

Inzwischen ist der Korb des Erntearbeiters voll. Geschickt schlägt er jede Frucht auf und schabt die Bohnen mit bloßer Hand in einen großen Behälter. Ein Transporter fährt die gefüllten Boxen anschließend zur Farm. Hier schaufelt ein Arbeiter die Bohnen mit der noch anhängenden Pulpe in riesige Holzkisten und deckt alles mit großen Bananenblättern ab. Die Fermentation beginnt. Sie unterscheidet sich nicht von der des konventionellen Kakaos. In dem engen dunklen Lagerraum riecht es leicht säuerlich, hefig. Von leckerem Schokoladenduft keine Spur.

Cappuccino Kakaopulver

Lecker auf einem Cappuccino: Kakaopulver

Einen Tag und eine Nacht verweilen die Bohnen in der Kiste, dann werden sie in eine neue umgefüllt. Dieser Vorgang wiederholt sich täglich – sechsmal hintereinander. „Nur so ist gewährleistet, dass die Bohnen regelmäßig gewendet werden“, weiß Maia. Die Pulpe sinkt dabei nach unten. Die Bohnen bekommen jetzt langsam eine bräunliche Farbe. Letzter Arbeitsgang: das Trocknen. Hierzu werden die festen Kerne auf den flachen Dächern der Farmhäuser ausgebreitet. Regelmäßig bewegt ein Arbeiter die Bohnen mit einem Schieber hin und her. Die Hauptarbeit übernimmt jetzt die pralle Sonne: Sie entzieht dem Kakao eine Woche lang die Feuchtigkeit. Sollte es regnen, werden bewegliche Dächer über die Bohnen geschoben. Scheint die Sonne mehrere Tage nicht, findet der Trockenvorgang auf einem von unten mit Feuer beheizten Dach-Boden statt.

 

Bio-Anbau von Anfang an

So verarbeitet gelangen die Bohnen etwa zwei Wochen nach der Ernte in großen weißen Plastiksäcken in die Lagerhallen der Schokoladenhersteller. 106 Farmer, davon sechs Frauen, handeln in der Region mit Bio-Kakao. Zusammen bewirtschaften sie 4120 Hektar Land. Seit 2001 schulen sie Techniker im biologischen Anbau. Unter Anleitung stellten sie die Farmen um. Regelmäßige staatliche Kontrollen, die den deutschen Standards entsprechen, garantieren die Bio-Qualität. In Izianes Schule wird heute Geburtstag gefeiert. Es gibt Schokoladenkuchen. Welche Rolle Bio-Kakao für ihre Zukunft spielt, ahnen die Schüler vielleicht. Wie wichtig die Umwelt ist, das wissen sie schon.

Schlagworte: