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Honig Imkern in der Stadt

Imkern auf einem Hochhaus? Das klappt, beweist Erika Mayr, 38. Pro Jahr erntet sie 300 Kilo Honig – in Berlin-Kreuzberg.

Erika Mayr

Zeitreisen sind für Erika Mayr ein Klacks. Ein Klacks Honig. Einfach beim Frühstück die Augen schließen und dem Blütenaroma auf dem Gaumen folgen. Raus geht’s aus der Stadt, zu den duftenden Moorwiesen am Kochelsee, 70 Kilometer südlich von München am Rand der Bayerischen Alpen. Dort ist die 38-Jährige aufgewachsen. Erst für ihr Gartenbaustudium zog sie vor 15 Jahren nach Berlin. Sie hat in Norwegen und Kanada gearbeitet, kehrte dann in die Bundeshauptstadt zurück.

Ein außergewöhnliches Hobby

Der Grundstein für ihre größte Leidenschaft wurde aber in ihrer Kindheit gelegt: „Ich komme aus einer landwirtschaftlich geprägten Kultur. Mein Opa hatte Bienen und brachte mir früh bei, wie alles miteinander verbunden ist, wenn wir ihnen ein Blütenparadies bieten und dafür ihren Honig ernten.“ Genau das tut die Hobby-Imkerin, allerdings an einem ausgefallenen Standort: Ihre Bienenstöcke stehen seit über fünf Jahren auf einem Hochhaus in Berlin-Kreuzberg.

Ein ungewöhnlicher Ort für eine Imkerin

Damit holte sie einen inzwischen weltweiten Trend nach Deutschland. Sogar auf der „Bank of England“ in London und dem Museum of Modern Art in New York leben mittlerweile Bienen. Doch Erika Mayr geht es nicht um Trends, sondern um Nachhaltigkeit, darum, auf die Natur zu achten und dafür bestenfalls etwas zurück zu bekommen. In der Stadt? „Das scheint hier sogar am allerbesten zu klappen“, entgegnet sie. „Berlin ist voll von Parks, Balkonpflanzen, Hausgärten, Alleen mit Kastanien, Akazien und Linden. Das ganze Jahr über blüht es.“ Ihre Bienen nehmen das breite Angebot offensichtlich gern an. 300 Kilo Honig kann Erikaayr jedes Jahr ernten.

Der Verkauf läuft erfolgreich, „weil sich immer mehr Menschen nach lokal hergestellten Produkten sehnen“, schwärmt die Stadt-Imkerin. Kein Wunder, dass sie heute zahlreiche Mitbewerber hat. „Die Szene erlebt einen starken Zulauf“, erzählt Mayr, Vorsitzende des Imkervereins Berlin-Charlottenburg. Sie freut sich darüber, hat aber auch Bedenken. „Imkern ist Arbeit mit Tieren. Das bedeutet, dass man Verantwortung übernimmt und Regeln einhält. Die Bienen sollen gesund und stark bleiben und dürfen die Völker anderer Imker nicht beeinträchtigen.“

Zum Wohl der Bienen

Oft bleiben aber gerade solche Werte auf der Strecke, wenn aus einem Trend ein Hype wird. „Der Schutz und die Pflege der Bienen stehen im Vordergrund“, betont Erika Mayr. „Wir können ihre Rolle bei der Bestäubung und in großen ökologischen Zusammenhängen gar nicht hoch genug einschätzen.“ Behutsam hebt sie einen Rahmen voll honiggelber Waben aus einem Bienenkasten. An die hundert Arbeiterinnen krabbeln darauf scheinbar planlos hin und her. Der Schein trügt. „Bienen sind wunderbare Wesen, die seit 50 Millionen Jahren in einem perfekten System überleben“, sagt Erika Mayr voller Zuneigung. „Alles, was sie tun, ergibt einen Sinn. Sie sind gute Lehrmeister in einer Zeit, in der es schwerfällt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Wer sich auf sie einlasse, dem könnten die Bienen vieles über das Leben zeigen. Erika Mayr ist mit ihnen der Natur ganz nah. Mitten in der Stadt.

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Autor:
Sabine Knapp