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Leben mit einer Krankheit Reizdarm

Mittlerweile leiden immer mehr Menschen unter einem Reizdarm. Auch, wenn die Wissenschaft einige mögliche Ursachen ausfindig machen konnte, ist eine endgültige Heilung nicht in Sicht. Wir zeigen, wie Sie am besten mit der Diagnose Reizdarm umgehen.
Frau hält sich den Bauch

Kommt 'ne Frau zum Arzt ... So lautet der Auftakt unzähliger fader Witze. Ganz und gar nicht zum Lachen ist den Millionen von Betroffenen, die wegen Bauchschmerzen, Krämpfen, Blähungen, Verstopfung, Durchfall oder einer Kombination aus mehreren dieser Symptome Jahr für Jahr Arztpraxen aufsuchen. Sie lassen zahlreiche Untersu­chungen über sich ergehen, ohne dass sich ein Verur­sacher ihrer Beschwerden ausmachen lässt. Doch statt sich darüber freuen zu können, dass sie organisch gesund sind und nichts Schlimmes dahintersteckt, zum Beispiel eine Entzündung oder ein Tumor, geht ihr Leiden weiter. Frauen sind doppelt so häufig von dieser funktionellen Störung, dem sogenannten Reizdarm­Syndrom (RDS), betroffen als Männer. Wenn sie Pech haben, geraten sie an einen Arzt, der sich mit dieser Nicht-Diagnose zufrieden gibt. Die Betroffenen bekommen dann ein „Sie haben nichts“ zu hören und gleichzeitig das Etikett „eingebildete Kranke“ verpasst. Doch das haben sie nicht verdient. Der Reizdarm ist, ebenso wie sein kleiner Bruder, der Reizmagen, keine Einbildung. Gemäß Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) liegt die Krankheit Reizdarmsyndrom vor, wenn die Symptome länger als drei Monate anhalten, sich auf den Darm beziehen lassen und meist Stuhlveränderungen mit sich bringen, andere Verursacher des Krankheitsbildes ausgeschlossen werden können und zudem die Beschwerden die Lebensqualität der Betroffenen in erheblichem Maße beeinträchtigen. Dieses „Nichts“ ist also durchaus „Etwas“.

 

Der Bauch, unser Kraftwerk

Wissen Sie noch? Im Märchen Aschenputtel ließ die böse Stiefmutter das arme Kind Linsen sortieren. Tauben halfen ihr dabei. So gelangten die guten Linsen „ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Eine ähnliche Aufgabe

Lesen Sie hier alles über die möglichen Ursachen eines Reizdarms.

kommt dem Verdauungsprozess zu. Über die Speiseröhre und den Magen gelangt der Nahrungsbrei unter Beteiligung von Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse sowie der Peristaltik, also den Bewegungen der Darm­abschnitte, verarbeitungsbereit im Dünndarm an. Dort werden die „guten“ Nährstoffe herausgefiltert und ins Blut und damit in den Körper abgegeben. Was wir nicht brau­chen oder was uns sogar schaden könnte, wandert weiter in den Dickdarm und wird dann ausgeschieden. Die Ver­dauungs­fabrik in unserer Mitte ist also gleichzeitig ein Energiegewinnungs-­ und Müllbeseitigungsunternehmen. Damit das komplexe Zusammenspiel der Organe funk­tioniert, verfügt der gesamte Bereich über eine eigene Schaltzentrale: das enterische Nervensystem, auch Bauch­hirn genannt. Es setzt sich aus rund 100 Millionen Nerven­ zellen zusammen – mehr hat auch das Rückenmark nicht – und bildet die gleichen Botenstoffe wie das Gehirn, z. B. Serotonin, das Gute-­Laune-­Hormon. Unser Bauch kann uns also glücklich machen. Aber eben auch unglücklich, wenn der gereizte Darm Alarm schlägt.

 

Hier wird eifrig gearbeitet

Die vielen Millionen Bakterien, die unsere Darmwand besiedeln, gehören ebenfalls zum Verdauungs­team. Bei ihrer Arbeit, dem Zersetzen der nicht verwertbaren Nah­rungsbestandteile, entstehen Gase. Der Großteil passiert die Darmwand und gelangt über den Blutstrom in die Lunge, und wir atmen es einfach aus. Bildet sich zu viel Gas, überdehnt sich die Darmwand. Bei Patienten mit dem Reizdarmsyndrom, so weiß die Wissenschaft heute, rea­gieren die Nervenenden schon früh auf kleine Reize und senden sofort Schmerzsignale ans Gehirn. Ohnehin sind Blähungen nicht nur unangenehm, sie können so weit ausstrahlen, dass sie sich wie Herzbeschwerden an­fühlen. Klar, dass dann auch noch Ängste aufkommen. Bei einem Reizdarm scheint außerdem die Feinabstim­mung der Darmbewegungen nicht einwandfrei zu funkti­onieren. Die Muskelbewegungen geraten ins Stocken oder werden überaktiv. Bei zu langsamen Muskelbewegungen kommt es in der Darmpassage zum Stau, dem Stuhl wird immer mehr Flüssigkeit entzogen und er verdickt sich – das kennen wir als Verstopfung. Doch ein zu schneller Transport bringt ebenfalls Beschwerden: Kommt eine zu große Wassermenge im Dickdarm an oder schafft der Resorptionsmechanismus seine Arbeit nicht, rauscht der Darminhalt einfach durch — wir bekommen Durchfall. Und wenn sich die Muskulatur so zusammenzieht, dass sie sich nicht mehr entspannen kann, krümmen wir uns vor Krämpfen. Haben wir etwas Verdorbenes gegessen oder uns einen Infekt eingefangen, kann das bei jedem von uns mal vor­ kommen. Die Beschwerden sind dann Begleiterscheinungen des Abwehr­- und Heilungsprogramms des Darms. Doch entwickelt sich das Durcheinander ohne Entzündung oder Infektion zum Dauerzustand, wechseln sich die Be­schwerden ab oder treten in Kombination auf, hat das mit einer Normalfunktion nichts mehr zu tun. Neben der gestörten Darmperistaltik können auch eine erhöhte Durchlässigkeit oder Immunaktivität der Darmschleimhaut Auslöser des Reizdarmsyndroms sein, ebenso ein Magen-Darm-Infekt. Auch die Psyche hat durch den regen Datenaustausch zwischen Gehirn und Bauchhirn Einfluss auf die Verdauung – und umgekehrt. Stress gilt als einer der gesicherten Auslöser des Reizdarmsyndroms, in jedem Fall verstärkt er die Symptome oder verhindert, dass sie abklingen.

 

So helfen Sie Ihrem Darm, sich zu beruhigen

Eine ärztliche Behandlung soll normalerweise die Ursache identifizieren und ausschalten. So geht Heilung. Doch beim Reizdarm greift das Prinzip nicht. Es präsentiert sich kein Übeltäter auf dem Silbertablett. Für den Körper ist diese Erkrankung im Prinzip harmlos. Bei manchen Menschen reagiert der Verdauungstrakt auf gewisse Umstände offensichtlich extrem gereizt. Diese Reaktion gilt es zu beruhigen, Beschwerden zu lindern oder gar aus der Welt zu schaffen. Schön wär’s, gäbe es dafür ein Patentrezept. Doch die Symptome sind zu vielfältig. Generell sollten Sie

  • langsam essen,
  • viel kauen
  • und nicht unnötig viel Luft dabei schlucken.

Verzichten Sie auf kohlensäurehaltige Getränke. Mehrere kleine Mahlzeiten am Tag werden erfahrungsgemäß besser vertragen als wenige, die dafür üppiger ausfallen. Darüber hinaus lassen sich die einzelnen Symptome mit entsprechenden Präparaten behandeln. Eine Übersicht finden Sie in unserem Artikel: "Rezeptfreie Mittel gegen Reizdarm". Sie können allerdings noch mehr tun, als nur in den Arzneischrank zu greifen. Eine Ernährungsumstellung bietet sich an, weil die Beschwerden ja bei der Verarbeitung der Nahrung entstehen. Viele Menschen leiden auch unter einer Lebensmittelunverträglichkeit, welche die Symptome eines Reizdarms noch verstärken kann. Wenn Sie ein Ernährungstagebuch führen, finden Sie mit der Zeit heraus, was Ihnen besser oder schlechter bekommt und lernen Ihren Darm und seine „Macken“ immer besser kennen. Weil Ihr Bauchhirn ein recht gutes Gedächtnis hat, sollten Sie regelmäßig und zu festen Zeiten essen. Vielleicht sollten Sie auch auf manche Bestandteile völlig verzichten. Beim Arzt können Sie sich auf Unverträglichkeiten testen lassen. Auch wenn Sie sich selbst nicht unbedingt gestresst fühlen, der Reizdarm-Bauch ist es definitiv. Entspannungsübungen helfen, Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen. Auch psychotherapeutische Verfahren oder Hypnotherapie zeigen gute Wirkung. Nur Mut, tasten Sie sich an die Behandlungsmöglichkeiten heran, und finden Sie heraus, was Ihnen am besten bekommt. Denn: Fühlt sich Ihr Bauch wohl, tun Sie das auch.