Autor: Verena Carl
Verena Carl, 39, lebt als Autorin mit Mann und Kindern (1 und 3 Jahre) in Hamburg. Sie schreibt u. a. (Kinder-) Bücher und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.
Natürlich funktioniert diese Masche. Und wie. Wenn sich die Thekenkraft plötzlich wie meine beste Freundin benimmt, kann ich ihre gut gemeinten Ratschläge nicht mehr so leicht ignorieren. Und natürlich darf’s ein bisschen mehr sein. Nicht nur zwei Scheiben Bio-Bärchenwurst, auch das ein oder andere Ausgeh-Hängerchen. Ein besonders gemeiner Boutiquen-Satz: „Ich kann Ihnen das gern schon mal in die Kabine hängen!“ Nettes Angebot, aber mit doppeltem Boden. Oder trauen Sie sich, einen Laden mit null Cent Umsatz zu verlassen, wenn die Verkäuferin Ihnen so liebevoll zehn Teile am Haken drapiert hat – wie eine Mutter, die ihrer Tochter ein Kindergeburtstagskleid aussucht? Ich muss dann mindestens sieben probieren. Und zwei kaufen. Alles andere wäre herzlos.
Auch der gut sortierte Weinfachhandel hat seine Tricks: die Kunden erst mit Probeschlückchen anschickern und ihnen dann eine Kiste Grand Cru verhökern. Wahrscheinlich könnte man den Kaufvertrag in nüchternem Zustand anfechten. Will man aber nicht. Schade um den schönen Wein. Und dann gibt es noch diesen Typ von Verkäuferin, die man wirklich gern zur besten Freundin hätte. So wie diese Bäckerin, die ich vor ein paar Monaten traf. Im strömenden Regen saß ich auf den Stufen vor ihrem Laden und stillte meinen Sohn, während meine Tochter danebenstand und nölte. Zwei Minuten später ging die Tür auf, und die Bäckerin kam mit zwei Keksen heraus. Einen für mich, einen für Helen. Dabei hatte ich dort noch nie eingekauft. Nicht mal eine Laugenbrezel fürs Kind. Wäre der Laden nicht 500 Kilometer von zu Hause entfernt, ich würde niemals mehr woanders Brötchen holen.
Was lernen wir daraus? Positive Energie fällt auf einen selbst zurück. Für diese Erkenntnis muss man nicht der Dalai-Lama sein. Vielleicht sollte ich mir davon doch die ein oder andere Scheibe abschneiden. Vielleicht so: Liebe Leserin, ich wünsche Ihnen, dass Sie immer jemanden finden, der Ihnen einen Keks schenkt, wenn Sie einen brauchen. Ich wünsche Ihnen ein gut gefülltes Weinregal (Tee tut’s auch). Und natürlich einen wunderschönen Februar.
Quelle: Vital, Ausgabe 02/2010