Autor: Verena Carl
Verena Carl, 39, lebt als Autorin mit Mann und Kindern (1 und 3 Jahre) in Hamburg. Sie schreibt u. a. (Kinder-) Bücher und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.
Wir Journalisten sind auch nur Menschen. Statt dem Leben jeden Tag neue, spannende Geschichten abzulauschen, beißen wir uns immer wieder an unseren Lieblingsthemen fest. Eines davon hört auf den Namen „Servicewüste Deutschland“. Kein Monat, ohne dass Verbrauchersendungen einen Testkunden zum Waschmaschinenkaufen schicken und empörte Berichte von der Einzelhandelsfront funken. („Verkäufer weiß nicht mal, was eine Waschmaschine ist!“). Fehlt nur noch, dass Günter Wallraff sich am Samstagmorgen als Brötchenkäufer verkleidet und ein Buch darüber schreibt.
Dabei ist aus der Servicewüste längst eine Oase mit Ziergärtchen geworden. Das heißt: Der Waschmaschinenverkäufer schickt einen zwar immer noch mit unbestimmter Geste zum Kollegen da hinten, wenn man etwas von ihm will. Aber er wünscht einem anschließend einen wunderschönen Tag, ein entspanntes Wochenende, einen zauberhaften Nachmittag – früher haben Verkäufer so etwas nicht gesagt. Sondern einfach nur „Auf Wiedersehen“. Was ja auch schon ein frommer Wunsch ist. Wie märchenhaft müsste das Leben sein, wenn all die guten Wünsche zum Shopping-Schluss Wirklichkeit würden! Und wie viele liebe Bekannte man hat, seitdem sie alle unauffällig den Namen auf der EC-Karte lesen: „Einen wunderschönen Donnerstagnachmittag noch, Frau Carl!“
Quelle: Vital, Ausgabe 02/2010