Gefühlswirrwarr
Das Gefühlswirrwarr dem fremden Kind gegenüber ist oft sehr groß, das stellen die meisten Ersatzeltern fest. Man möchte einerseits ein liebevolles Verhältnis, aber da sind auch Hemmschwellen – auf beiden Seiten. Denn auch die Kinder haben Vorbehalte. Oft wollen sie aus Loyalität zu ihrem abwesenden Elternteil mit dem/der Neuen nichts zu tun haben. „Nächtelang haben wir uns zum Thema Kinder den Kopf zerbrochen“, erzählt Nina. „Es half, uns klarzumachen, dass biologische Verbindungen eben anders sind als andere. Da darf man nicht zu viel erwarten. Wir haben uns angestrengt, ein liebevolles, respektvolles Verhältnis zum jeweils fremden Kind aufzubauen – ohne zu viel Kritik und Einmischung in dessen Erziehung. Mittlerweile klappt das ganz gut. Auch Emma und Henri kommen gut miteinander klar. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir konsequent neue gemeinsame Familienregeln aufgestellt haben und keiner sich benachteiligt fühlt.“ Klingt nach einer Menge Arbeit. Da ist es nicht verwunderlich, dass es in vielen Fällen zur Ernüchterung kommt. Mehr als die Hälfte der Zweitfamilien trennt sich laut Statistik wieder. Die Einschränkungen für das eigene Leben werden oft zur Zerreißprobe. Besonders gravierend ist das, wenn sich der Wunsch nach dem eigenen Kind nicht erfüllt. Das betrifft vor allem jüngere Frauen. Denn oft schrecken Männer vor neuen Vaterpflichten zurück, sei es aus emotionalen oder aus materiellen Gründen. Zumindest hat der Gesetzgeber jetzt für einen Lichtblick gesorgt. Seit 1. Januar 2008 kann der Exfrau nun schon früher eine (Teilzeit-) Arbeit zugemutet werden, und die neue Frau ist in der Rangfolge der Unterhaltsberechtigten aufgerückt. Darüber hinaus regelt vieles die Zeit. Mit den Jahren wird es meist einfacher. So wie bei Nina und Tom.
Mittlerweile lebt Toms Exfrau wieder in einer Beziehung und Tom ist nicht mehr unterhaltspflichtig, was die Familienkasse erheblich entlastet. Auch in anderen Punkten haben Nina und Tom heute, nach vier Jahren Patchwork-Erfahrung, das Gefühl, über den Berg zu sein. Das hängt zum Teil mit der Geburt des gemeinsamen Sohns Finn, 1, und der anschließenden Hochzeit zusammen. Nina: „Dadurch sind wir alle noch ein bisschen näher zusammengerückt. Außerdem hat heute jeder seine eigene Position gefunden. Auch ich fühle mich in meiner Rolle deutlich wohler. Unter anderem, weil ich gelernt habe, die Vergangenheit zu würdigen, aber mich von Dingen abzuwenden, die ich als Belastung empfinde. Ich muss ja nicht bei jeder problematischen Familienfeier dabei sein… Belohnt werde ich mit einer bunten, lebendigen Großfamilie. Und mit einem wunderbaren Mann, der wie ich Lust hat, an Herausforderungen immer weiter zu wachsen.“
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Sibylle Hettich
Quelle: Vital, Ausgabe 01/2009






