Bio-Special
Essen aus Lust und Frust

So ein Törtchen macht einfach Spaß – und das ist gesund so. Denn ständiges Grübeln über Kalorien und Inhaltsstoffe führt zu Ess-Störungen.
Frau mit Donut

Spaßbefreites Essen ist ungesund und macht dick! Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Trotzdem glauben viele Menschen, dass dem sündigen Sahnetörtchen stets die Strafe Gottes in Form einer Speckrolle folgt. Vielleicht sollten wir nicht ständig darüber nachdenken, wie viele Kalorien wir essen, sondern auch mal, wie wir es tun: Eine Tafel Vollmilchschokolade hat immer 531 Kalorien. Egal ob sie mit gutem oder schlechtem Gewissen gegessen wird. Also genießen Sie sie lieber – denn das macht länger satt.

Essen hat nämlich was mit Spaß zu tun: „Es ist ein multisensorisches Ereignis: Sämtliche Sinnesorgane sind daran in höchstem Maße beteiligt. Kein anderes Ereignis löst alle diese Reize so intensiv aus. Wir kommen in einen optimalen Entspannungszustand – einen Flow-Zustand, wie wir sagen“, erklärt der Hamburger Psychologe Michael Thiel. Kein Wunder, denn Essen ist – wie Schlafen und Sexualität – ein Grundbedürfnis. So stellte es der Psychologe Abraham Maslow in seiner berühmten „Bedürfnispyramide“ 1954 dar.

„Essen und Trinken bilden die Basis für alle anderen Verhaltensweisen. Bedürfnisse wie Anerkennung, Wertschätzung oder Moral sind unwichtig, solange wir nicht satt sind“, sagt Thiel. Für den Essgenuss sind nicht nur Textur, Geruch und Aussehen einer Speise bedeutend, sondern auch die teilnehmenden Personen, fand Privatdozent Dr. Michael Macht in eigenen Studien am Institut für Psychologie der Universität Würzburg heraus.

Wer aber ständig einer unrealistischen Traumfigur hinterherhungert, bekommt Probleme: „Wenn Menschen kurz- oder langfristig weniger Kalorien aufnehmen, als sie benötigen, werden sie anfälliger gegen Stress, sie werden depressiv und ihre Gedanken drehen sich ständig ums Essen“, erklärt Michael Macht. Ein Zustand, der in Deutschland auf über 100 000 Magersüchtige zutrifft. Für sie ist Hungern eine Sucht, mit der sie Probleme lösen wollen – mit dem Essen haben sie nichts zu tun.

Tipp: Flexible Regeln machen es leichter, auf das Gewicht zu achten. Ein Beispiel: Falsche Strategie „Ich esse nie wieder Kuchen und nehme deshalb auch keine Einladungen zum Kaffee mehr an.“ Spätestens am 60. Geburtstag der Schwiegermutter fällt dieser Vorsatz. Nach dem ersten Stück Torte sind Sie von sich enttäuscht. Jetzt ist es auch egal und Sie greifen richtig zu. Richtige Strategie „Ich kann beim Geburtstag zwei Stück Torte essen. Dafür esse ich abends nur einen Salat und gehe am nächsten Tag joggen.“ So sind Sie kein Spielverderber und müssen Ihre guten Vorsätze nicht wegen Ihrer Schwiegermutter über Bord werfen. Sie bestimmen, was Sie essen, und sind stolz darauf. Mit dieser Strategie nehmen Sie weniger Kalorien auf als im oberen Fall – trotz Tortenerlaubnis.

 

Essen ist erotisch

„Der Mund ist die erste Stätte des Lusterlebens“, schreibt die französische Psychoanalytikerin Gisèle Harrus-Révidi in ihrem Buch „Die Lust am Essen“. Schon beim ersten Stillen begegnet uns die Kombination aus Nähe, Geborgenheit und Nahrung. Und auch später bleibt diese Kopplung bestehen. Ob bestimmte Lebensmittel wie Austern, Vanille, Kakao oder Chili die Fähigkeit besitzen, Menschen liebeshungrig zu machen, ist wissenschaftlich nicht belegt. „Für die erotische Wirkung des Essens ist die Nähe und die Atmosphäre viel entscheidender als die unterstellte aphrodisierende Wirkung der Auster“, findet Michael Thiel. Denn die gemeinsame Mahlzeit signalisiert, dass man sich jemandem zuwendet und ihn in seine eigene Privatsphäre einlässt. Gemeinsam zu essen ist etwas sehr Intimes: Die australischen Ureinwohner verwenden sogar dieselben Worte für „essen“ und „Sex haben“.

 


Lesen Sie auch
Kommentare
Artikel weiterempfehlen