Autor: Verena Carl
40, lebt mit Mann und Kindern (2 und 4 Jahre) in Hamburg. Die Autorin schreibt u.a. (Kinder-) Bücher und für uns die Kolumne über ein vitales Leben
Rituale sind ein kuscheliger Rückzugsort in einer kalten Welt. Ein Kaminfeuer für die Seele, nicht nur, aber gerade zur Weihnachtszeit. Wir tragen Fellstiefel im Amputierter-Eisbären-Fuß-Look, verschicken E-Mails mit singenden Rentieren und zelebrieren unsere privaten Weihnachtsbräuche.
In meiner Teenager-Zeit hatten wir ein sehr eindrucksvolles Ritual. Es hieß „unheilvolles Rascheln mit Altersheimbroschüren“. Erfinderin und Hauptdarstellerin: Oma. Alle Jahre wieder drohte sie mit Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Wegen mangelnder Textkenntnis von „Stille Nacht“ oder mangelnder Rezeptkenntnis beim Pastetchen zubereiten. Wie zufällig ließ sie Prospekte von Seniorenresidenzen im Weihnachtszimmer liegen und blätterte seufzend darin. Unsere Rolle war simpel: ignorieren. Es ging vorbei, genau wie der Neujahrskater.
Nach meinem 20. Geburtstag löste ich Omas Ritual mit meinem „Driving-home-for-Christmas“-Ritual ab. Es bestand aus zwei Teilen plus Nachspiel: Anruf der Mitfahrzentrale verpassen, 400 Kilometer stehend im letzten Bummelzug vor Heiligabend verbringen. Schließlich waidwund um Muttis spinatgrünes Tastentelefon herumschleichen, weil irgendein Frank oder Christian überhaupt nicht daran dachte, mich dort anzurufen.
Quelle: Vital, Ausgabe 01/2011