Autor: Verena Carl
Verena Carl, 39, lebt als Autorin mit Mann und zwei Kindern (1 und 3 Jahre) in Hamburg. Sie schreibt u. a. Kinderbücher, Romane und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.
Diese „to go“-Mentalität hat ja nicht nur die Kaffeepause verdrängt. Auch alles andere wird zwischendurch konsumiert. Statt Mittagsschlaf gibt’s „Powernapping“ (steht sogar in trendy Fitnessstudios auf dem Stundenplan), statt drei Wochen Sylt einen Tag im Day Spa. Anstellungsverträge mit dem Passus „… endet mit dem Erreichen des Rentenalters“ findet man demnächst nur noch im Museum der Arbeit. Freundschaften werden bei Facebook & Co per Mausklick geschlossen, persönliches Kennenlernen nicht notwendig. Und wer seinen eigenen Neurosen auf den Grund gehen will, legt sich nicht mehr fünf Jahre lang dreimal wöchentlich auf die Couch. Sondern bucht ein Wochenende mit Familienaufstellung und Vollwertkost. Wahrscheinlich fragen Standesbeamte irgendwann nicht mehr: „Wollen Sie mit der hier anwesenden Coffeeshop- Kellnerin Gundula Gerlach-Riebeling die Ehe eingehen?“ Sondern: „To stay oder to go?“ Wie gut, dass ich seit fünf Jahren glücklich verheiratet bin.
Ich jedenfalls freue mich bei jedem Weg zum Supermarkt über das Wort „Filterkaffee“ auf der Tafel neben „Möller’s Raucherclub“. Diese Kneipe ist das einzige Lokal auf meinem immer schicker werdenden Kiez, das noch Kaffeesahnedöschen serviert und keinen Latte macchiato. Darin sitzen Menschen vor echten Porzellantassen mit abgestoßenen Ecken, und wenn man nicht blind darin werden würde vor lauter Nikotinschwaden, würde ich mich glatt dazusetzen. Und von einer gar nicht so fernen Epoche träumen, in denen Cafés „draußen nur Kännchen“ servierten. Und in schönster Selbstverständlichkeit über die Nachmittagsstunden ihrer Gäste verfügten.
Es ist September, und ich zähle die Tage bis zum Urlaub. Ich will mich hinsetzen. Ich will eine Pause. Ich will einen Tee aus dem Samowar und eine große Portion Extrazeit. Sofort. Und „to stay“. p
Quelle: Vital, Ausgabe 10/2009