Seite 2 aus dem Artikel: Das "to go"-Prinzip
Konsum für Zwischendurch

Diese „to go“-Mentalität hat ja nicht nur die Kaffeepause  verdrängt. Auch alles andere wird zwischendurch  konsumiert. Statt Mittagsschlaf gibt’s „Powernapping“  (steht sogar in trendy Fitnessstudios auf dem Stundenplan),  statt drei Wochen Sylt einen Tag im Day Spa. Anstellungsverträge  mit dem Passus „… endet mit dem Erreichen  des Rentenalters“ findet man demnächst nur noch im Museum  der Arbeit. Freundschaften werden bei Facebook & Co per Mausklick geschlossen, persönliches Kennenlernen  nicht notwendig. Und wer seinen eigenen Neurosen  auf den Grund gehen will, legt sich nicht mehr fünf Jahre  lang dreimal wöchentlich auf die Couch. Sondern bucht  ein Wochenende mit Familienaufstellung und Vollwertkost.  Wahrscheinlich fragen Standesbeamte irgendwann  nicht mehr: „Wollen Sie mit der hier anwesenden Coffeeshop-  Kellnerin Gundula Gerlach-Riebeling die Ehe eingehen?“  Sondern: „To stay oder to go?“ Wie gut, dass ich seit  fünf Jahren glücklich verheiratet bin. 

Ich jedenfalls freue mich bei jedem Weg zum Supermarkt  über das Wort „Filterkaffee“ auf der Tafel neben  „Möller’s Raucherclub“. Diese Kneipe ist das einzige Lokal  auf meinem immer schicker werdenden Kiez, das noch  Kaffeesahnedöschen serviert und keinen Latte macchiato.  Darin sitzen Menschen vor echten Porzellantassen mit abgestoßenen  Ecken, und wenn man nicht blind darin werden  würde vor lauter Nikotinschwaden, würde ich mich  glatt dazusetzen. Und von einer gar nicht so fernen Epoche  träumen, in denen Cafés „draußen nur Kännchen“ servierten.  Und in schönster Selbstverständlichkeit über die  Nachmittagsstunden ihrer Gäste verfügten. 

Es ist September, und ich zähle die Tage bis zum  Urlaub. Ich will mich hinsetzen. Ich will eine Pause. Ich  will einen Tee aus dem Samowar und eine große Portion  Extrazeit. Sofort. Und „to stay“. p 


Schlagwörter: ratgeber, trends, verhalten
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Quelle: Vital, Ausgabe 10/2009

Verena Carl

Autor: Verena Carl

Verena Carl, 39, lebt als Autorin mit Mann und zwei Kindern (1 und 3 Jahre) in Hamburg. Sie schreibt u. a. Kinderbücher, Romane und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.