Autor: Verena Carl
Verena Carl, 39, lebt als Autorin mit Mann und zwei Kindern (1 und 3 Jahre) in Hamburg. Sie schreibt u. a. Kinderbücher, Romane und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.
Es ist noch gar nicht so lange her, da kehrte mein alter Freund Jürgen von einer New-York-Reise mit drei neuen Jeans und einer frischen Lebenskrise nach Hause. „Ich habe sechzehn Semester Anglistik studiert. Ich arbeite seit vier Jahren als Englischlehrer. Aber ich habe einfach nie verstanden, was die Barfrauen im Coffeeshop von mir wollten“, beklagte er sich. Erst beim letzten Milchmix-Heißgetränk am Flughafen hatte er endlich die Routinefrage entschlüsselt: „To stay or to go?“
Nur ein paar Jahre später hat die Mitnehm-Manie mit solcher Wucht auch das alte Europa erobert, dass selbst der sprachunbegabteste Fünftklässler sein Trinktütchen „to go“ ordert. Ob Latte macchiato, frisch gepressten Saft oder Bagel, alles und jedes gibt’s mit passendem Transportmittel. Und grundsätzlich „bigger than life“, pardon: überlebensgroß. Oder haben Sie eine Erklärung dafür, dass der kleinste Mitnahmekaffee überall „tall“ heißt? „Grande“ ist mittel, „Venti“ ist ein Eimer. Solche Größenangaben kennt man sonst nur von Kondomen. Die kauft auch keiner freiwillig in „S“.
Aber der Siegeszug des Snacks auf Beinen ist mehr als ein Gastro-Trend aus den USA. Und auch mehr als eine Fußgängerzonen-Rallye zum Thema „Wo ist der nächste Coffee-Shop meiner Lieblingskette?“. Er ist vor allem ein Symbol für unsere gehetzte Gesellschaft. Die Pappdeckel-Schnabeltasse signalisiert: sich bloß keine Zeit für irgendetwas nehmen, bloß nirgends eine Pause machen. Am Ende müsste man gar noch nachdenken.
Quelle: Vital, Ausgabe 10/2009